Das Auto rollt langsam zwischen parkenden Limousinen, Pressewagen und schneebestäubten SUVs hindurch. Vor der Halle drängen sich Gäste in dunklen Mänteln, Frauen in Abendkleidern unter Pelzcapes, junge Spieler in Anzügen, Photographen, Mitarbeiter mit Klemmbrettern und ein paar frierende Lokaljournalistinnen, die sich gegenseitig die besten Blickachsen abjagen. Über dem Eingang hängen Banner:
LETZTE GALANACHT VOR DEM ABRISS
WOHLTÄTIGKEITSTURNIER FÜR INTERNATIONALE HOCKEYSTIPENDIEN
Scully parkt mit der routinierten Präzision einer Frau, die sich schon jetzt darauf vorbereitet, in zwölf Minuten rückwärts wieder hinauszufahren. Sie schaltet den Motor ab. Für einen Moment ist nur noch das ferne Summen der Veranstaltung zu hören, gedämpft durch Glas und Schnee. Mulder blickt nach draußen wie jemand, der soeben bestätigt bekommen hat, dass sein Instinkt eine deutlich bessere Freizeitplanung hat als jede Vernunft.
MULDER
Siehst du?
SCULLY
Ich sehe sehr viele Menschen, die deutlich besser angezogen sind als wir.
Mulder sieht an sich herab, dann zu ihr.
MULDER
Vielleicht sind wir die einzige Fraktion des Abends, die ehrlich genug angezogen ist.
SCULLY
Oder die einzige, die nicht verstanden hat, wo sie gerade gelandet ist.
Sie steigen aus. Die Kälte trifft sofort schärfer als im Auto. Schnee knirscht unter den Schuhen. Von irgendwoher weht Musik herüber, festlich genug, um teuer zu klingen. Ein Photograph dreht sich halb zu ihnen, mustert sie, entscheidet sich dann gegen ein Bild und wendet sich wieder einer Gruppe lachender Sponsoren zu.
SCULLY
Ein gutes Zeichen. Noch hält uns niemand für wichtig.
MULDER
Das ist oft nur eine Frage von fünf Minuten.
Am Fuß der breiten Treppe bleibt Scully stehen und blickt zur Halle hinauf. Das Gebäude ist alt, aber nicht müde. Eher von der Sorte Bau, die sich ihre Würde durch reines Durchhalten erarbeitet haben: Backstein, hohe Fenster, Stahlträger hinter Glas, Lichtgirlanden, die den Ort für einen Abend wärmer machen wollen, als er eigentlich ist.
SCULLY
Das sieht wie ein Gefängnis aus. Ich bin gespannt, warum jemand in dieser Einöde stattdessen ein „Internationales Wintersportbegegnungszentrum zur Demokratieförderung“ errichten möchte.
MULDER
Das ist wahrscheinlich nur die Verpackung. Die meisten Orte mit so langen Namen wollen darunter etwas begraben oder billigen Schrott verkaufen.
SCULLY
Das ist wieder die Stelle, an der dein Gehirn aus Architektur einen Verdacht macht.
MULDER
Nur, wenn sie es verdient.
Sie gehen die Treppe hinauf. Ein junger Mitarbeiter in schwarzem Mantel hält gerade einer Gruppe von Jugendlichen mit Eintrittsbändern die Tür auf. Er sieht Mulder und Scully kurz an, zögert, ob sie auf irgendeiner Liste stehen müssten, entscheidet sich dann zugunsten des allgemeinen Gala-Chaos.
MITARBEITER
Willkommen. Presse links, Sponsoren geradeaus, Ehrengäste bitte zuerst ins Foyer.
Mulder nickt, als wäre „Ehrengäste“ eine vollkommen vernünftige Kategorie für sie.
MULDER
Siehst du? Es fügt sich alles.
SCULLY
Es fügt sich gar nichts. Wir werden in fünf Minuten sehr höflich hinauskomplimentiert.
Noch bevor sie die Tür ganz erreichen, öffnet sich diese von innen. Ein Paar tritt heraus, begleitet von einem Schwall warmen Lichts, Stimmen, Musik und dem Geruch von teurem Essen, kalter Luft und Eis. JONATHAN HART ist elegant, leicht atemlos von zu vielen Begegnungen und sichtbar bestens gelaunt. JENNIFER HART ist makellos, aufmerksam und genau die Art Frau, die sofort erkennt, wenn etwas im Raum nicht in die erwartete Gesellschaftsordnung gehört. Jonathan sieht Mulder und Scully zuerst. Er bleibt einen halben Schritt stehen, mustert beide und senkt die Stimme gerade genug, dass Jennifer ihn hören kann.
JONATHAN
Jennifer, sieh bitte dort drüben. Entweder das ist ein sehr ernstes Ehepaar oder wir bekommen heute Abend unerwartet Qualität.
Jennifer folgt seinem Blick. Mulder bleibt auf der obersten Stufe stehen, Scully direkt neben ihm. Keiner von beiden sieht aus wie Sponsor, Sportfunktionär oder lokale Presse. Gerade deshalb wirken sie bemerkenswert. Jennifer geht sofort auf sie zu.
JENNIFER
Guten Abend. Ich hoffe sehr, Sie frieren entweder absichtlich oder mit Einladung.
Scully reagiert schneller.
SCULLY
Ehrlich gesagt nur mit einem ziemlich spontanen Kaffeeplan.
Jonathan lächelt auf.
JONATHAN
Das ist bereits die sympathischste Eintrittsbegründung des Abends. Wir wollten nur ein paar ruhige Tage in unserem kleinen Chalet etwas oberhalb dieses verschlafenen Nestes verbringen, da hat man uns schon erkannt und zu dieser skurrilen Gala mitten im Nirgendwo eingeladen. Ich vermute, es geht um Geld. Mulder hält Jennifers prüfendem Blick stand.
MULDER
Fox Mulder. Dana Scully. Wir sind zufällig in der Gegend, haben das Schild über die historische Halle gesehen und unterschätzt, wie viel Betrieb sich hinter so einem beruhigenden Schild verbergen kann.
Jonathan streckt sofort die Hand aus.
JONATHAN
Jonathan Hart. Meine Frau Jennifer. Und ich versichere Ihnen: Auch wir unterschätzen gesellschaftliche Betriebslagen regelmäßig, nur meist aus anderen Gründen.
Jennifer schüttelt zuerst Scully, dann Mulder die Hand. Ihr Blick bleibt einen Tick länger auf beiden ruhen, nicht aufdringlich, nur präzise.
JENNIFER
Sie sind also nicht wegen des Turniers hier?
SCULLY
Nein.
MULDER
Bis vor ungefähr vier Minuten wussten wir nicht einmal, dass es eins gibt.
JONATHAN
Dann sind Sie in der beneidenswerten Position, von niemandem eine Rede zu erwarten.
SCULLY
Das allein macht den Abend attraktiver.
Jonathan lacht. Jennifer mustert Mulder kurz mit der feinen Aufmerksamkeit einer Frau, die Namen, Haltungen und Kontexte schneller zusammensetzt als andere Menschen Garderobe sortieren. Jonathan legt leicht die Hand an die Tür und hält sie weiter offen.
JONATHAN
Kommen Sie doch hinein. Selbst wenn Sie in zehn Minuten wieder fliehen, sollten Sie das wenigstens warm und mit anständigem Capucino tun, oder einer Tasse russischen Tees.
Scully sieht zu Mulder. Der Blick bedeutet: Wenn du jetzt zufrieden aussiehst, bist du allein schuld. Mulder sieht zufrieden aus.
MULDER
Das klingt ausgesprochen vernünftig.
SCULLY
Was an sich schon verdächtig ist.
Jennifer tritt zur Seite und gibt den Weg frei.
JENNIFER
Dann sehen wir zu, dass wir die Sache nicht ruinieren. Drinnen finden gerade noch die letzten schönen Minuten des Abends statt.
Jonathan lehnt sich ein wenig zu Mulder.
JONATHAN
Meine Frau scheint sie durchschaut zu haben. Und falls Sie ein Talent dafür haben, Überraschungen wie diese Turniergala früher zu bemerken als andere: Bitte warten Sie mit entsprechenden Prophezeiungen, bis ich wenigstens ein Glas in der Hand habe.
MULDER
Ich verspreche nichts.
JONATHAN
Ausgezeichnet. Dann verstehen wir uns.
Mulder und Scully treten durch die Tür. Warme Luft schlägt ihnen entgegen. Musik. Stimmen. Licht auf Stahl und Glas. Das Foyer ist voll von Menschen, Wintermänteln, Lachen, billigem Sekt und jener festlichen Unruhe, die oft nur solange elegant aussieht, bis etwas kippt. Die meisten Menschen wirken wie regionale Prominenz, manche Pelzmäntel scheinen so alt zu sein wie die Halle selbst. Jugendliche und Lokaljournalistinnen wirken wie deplatzierte Zeitreisende zwischen Nostalgikern einer 50er-Jahre-Party. Jennifer schließt die Tür hinter ihnen.
JENNIFER
Willkommen in unserer wohltätig gemeinten Nacht in dieser Halle.
SCULLY
Und der Kaffee?
Jonathan deutet ins Innere.
JONATHAN
Geradeaus, dann links. Aber ich fürchte, unterwegs müssen Sie an einer Eröffnungsgala vorbei.
MULDER
Das nehmen wir in Kauf.
Scully wirft ihm einen Seitenblick zu.
SCULLY
Natürlich tun wir das.
Sie gehen mit den Harts in das Licht und den Lärm hinein.


