In Scullys Auto

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Eine winterliche Bergstraße. Dunkelheit, Scheinwerferkegel, Schneeränder am Asphalt. Der Motor summt gleichmäßig. Im Radio läuft leise ein kaum hörbarer Nachrichtensprecher, bis SCULLY ihn mit einem Finger abstellt. Für einen Moment ist nur noch das Geräusch der Fahrt da.
MULDER sitzt auf dem Beifahrersitz, Mantel offen, ein zerlesenes Faltblatt aus irgendeinem Touristenständer in der Hand. SCULLY fährt, konzentriert, müde, aber wach genug, um Mulders Energie misstrauisch zu registrieren, noch bevor er spricht.
MULDER
Wir waren schneller fertig als gedacht, Scully. Haben wir uns nicht eine Belohnung…
SCULLY
Nein.
MULDER
Du weißt noch gar nicht, was ich—
SCULLY
Doch. Du hast diesen Tonfall.
Mulder faltet das Blatt auseinander und hält es gegen das Armaturenlicht.
MULDER
Das hier ist nicht irgendein Umweg. Das ist ein kulturhistorisch vertretbarer Zwischenstopp.
SCULLY
Das ist die Formulierung, mit der du normalerweise versuchst, mir einen sehr schlechten Plan als Bildungsausflug zu verkaufen.
MULDER
Historische Eishalle. Siebzig Jahre alt. Im Sommer Abriss. Plan für ein Internationales Wintersportbegegnungszentrum zur Demokratieförderung. Das klingt doch genau richtig für einen kurzen Kaffee in dieser eisigen Nacht.
SCULLY
Und warum genau interessiert dich das auf dem Rückweg von einem Fall, der nach Schimmel, Versicherungsbetrug und toten Waschbären gerochen hat?
MULDER
Weil da historischer Kaffee ist.
Scully sieht ihn einen Moment lang an.
SCULLY
Mulder, es gibt keinen historischen Kaffee.
MULDER
Doch. Kaffee wird historisch, wenn das Gebäude alt genug ist.
SCULLY
Das ist nicht, wie irgendetwas funktioniert.
Mulder dreht das Faltblatt zu ihr. Ein körniges Foto zeigt eine alte Eishalle mit Fahnen und Lichtgirlanden.
MULDER
Sieh dir das an. Wäre hier bei der Eröffnungsfeier ein Waschbär gestorben, würde man es siebzig Jahre später nicht mehr riechen können. Ein sterbendes Stück Regionalgeschichte. 
SCULLY
Du interessierst dich nicht für Regionalgeschichte.
MULDER
Ich interessiere mich sehr für Orte, mit deren Zerstörung auch Informationen zerstört werden.
SCULLY
Da ist es. Jetzt klingt es wieder nach dir.
Ein Schild zieht im Lichtkegel vorbei:
HISTORISCHE EISHALLE – NÄCHSTE ABFAHRT
Mulder richtet sich etwas auf, als hätte das Universum persönlich zugestimmt.
MULDER
Siehst du?
SCULLY
Ich sehe ein Schild.
MULDER
Ich sehe unser Schicksal.
SCULLY
Du siehst eine Abfahrt und verwechselst sie mit Bestimmung.
Mulder lehnt sich leicht zu ihr, ohne sie wirklich zu bedrängen. Mehr wie ein Mann, der weiß, dass Beharrlichkeit irgendwann als Argument durchgeht.
MULDER
Fünfzehn Minuten.
SCULLY
Nein.
MULDER
Zehn.
SCULLY
Selbst ein Espresso klingt nicht nach zehn Minuten.
MULDER
Dann realistische fünfzehn.
Scully lässt sich Zeit mit der Antwort. Draußen zieht die dunkle Berglandschaft vorbei. Ein zweites Schild kündigt die Ausfahrt an. Im letzten Moment setzt sie den Blinker. Mulder lächelt sofort, viel zu zufrieden mit sich.
SCULLY
Fünfzehn Minuten. Kaffee. Keine Geister, keine Verschwörungen, keine spontanen Ermittlungen.
MULDER
Natürlich nicht.
SCULLY
Mulder.
MULDER
Scully, ich verspreche dir einen vollkommen harmlosen, kulturell verantwortbaren Espresso in einer historisch bedeutsamen Eishalle.
SCULLY
Das ist exakt die Art Satz, nach der in meinem Leben meist jemand stirbt.
Mulder legt das Faltblatt zusammen.
MULDER
Vielleicht ist das dein Problem. Du verbindest zu wenig schöne Architektur mit Gefahr.
SCULLY
Nein, mein Problem ist, dass ich schöne Architektur zu oft mit dir verbinde.
Die Straße wird schmaler. Vor ihnen taucht in der Dunkelheit allmählich Licht auf — erst diffuse Helligkeit, dann Scheinwerfer, dann leuchtende Fenster und Fahnen.
Scully runzelt die Stirn.
SCULLY
Moment.
Mulder sieht nach vorn.
Vor der Halle stehen ungewöhnlich viele Autos. Schwarze Limousinen. Pressewagen. Schneeglänzende SUVs. Menschen in Abendgarderobe. Kameralicht. Banner.
MULDER
Das ist mehr Verkehr als für nostalgischen Kaffee üblich.
SCULLY
Du meinst?
MULDER
Ich meine, entweder ist Eishallenabschied hier eine Hochform regionaler Leidenschaft, oder wir fahren gerade in etwas hinein, das deutlich größer ist als Kuchen.
Scully nimmt den Fuß leicht vom Gas.
SCULLY
Das war in deinem Prospekt nicht erwähnt.
MULDER
Vielleicht ist das die Überraschungskomponente historischer Orte.
SCULLY
Wenn da eine Gala läuft, drehen wir wieder um.
Mulder sieht weiter durch die Windschutzscheibe auf die Lichter, die Bewegung, die Fahnen und den seltsam festlichen Betrieb in der winterlichen Nacht. Ein kleines, fast kindliches Funkeln glänzt in seinem Blick.
MULDER
Oder wir trinken den interessantesten Kaffee unserer Woche.
Scully seufzt. Nicht theatralisch. Eher wie jemand, der die eigene Fehlentscheidung bereits erkennt und trotzdem sauber zu Ende fahren wird.
SCULLY
Ich hasse es, wenn du in solchen Momenten rechtzeitig begeistert aussiehst.
MULDER
Das ist eine meiner liebenswürdigeren Eigenschaften.
SCULLY
Nein. Es ist eine Warnleuchte.
Das Auto biegt auf den Vorplatz ein. Die Halle liegt vor ihnen hell im Schnee, alt und festlich und für einen Abend noch einmal viel zu lebendig.

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Apr 8, 2026 09:09

Your story feels imaginative and ambitious, especially with how it blends different elements into one cohesive crossover world. What inspired you to combine these particular worlds/characters together, and how do you decide which elements take priority in the story?

Apr 8, 2026 16:08 by Racussa

Dear Moonmere! Thank you so much for your encouraging words. There are a few series that have enriched my life in the most positive way, and I’d like to pay a small tribute to them through these 13 episodes. The story “Ice, Blood, and Old Scores” is already finished, and I’m trying to upload one more scene every day. The combination of Hart to Hart, The X-Files, and Heated Rivalry is bold, but I thought it was a fun idea. I’m mixing the series together using a random generator. Thanks, Racussa

The world is not enough.