Der Fuß der Eishalle

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Die Halle sammelt sich neu.
Helfer ziehen die letzten Kisten und Markierungshütchen vom Eis, die Lautsprecheranlage knackt, fängt sich, und das Licht wandert mit einer Spur zu viel Ehrgeiz in kühlere Töne. Die französische Mannschaft ist noch nicht ganz aus dem Blickfeld verschwunden, Großbritannien steht schon wieder in geordneter Frustration an der Bande, und über allem liegt jetzt die Erwartung, dass der eigentliche Abend erst beginnt.
Der Sprecher aus der Lokalredaktion klingt, als habe ihm jemand endlich ein Spiel versprochen, das er sich schon das ganze Leben herbeigeredet hat.
SPRECHER (O.S.)
Meine Damen und Herren – nun zur Begegnung, auf die viele von Ihnen vermutlich insgeheim seit siebzig Jahren gewartet haben: Russland gegen die Vereinigten Staaten.
Applaus. Deutlich lauter als beim ersten Spiel. Nicht einheitlich, aber elektrischer.
Die russische Mannschaft läuft aufs Eis.
Kein unnötiger Überschwang. Keine Show. Sie verteilen sich über die Fläche mit der stillen Präzision eines Teams, das beschlossen hat, die Lautstärke der Amerikaner einfach als ein weiteres Wetterphänomen zu behandeln.
Ilya fährt nicht zuerst hinaus, aber als er es zuletzt tut, scheint sich die Luft für einen Augenblick enger zu ziehen. Er wirkt nicht wie jemand, der einen Auftritt hinlegt. Eher wie jemand, der nicht daran glaubt, dass man ihn dabei stören sollte.
Die amerikanische Mannschaft folgt.
Mehr Tempo, mehr Geräusch, mehr Körpersprache. Schlägerklopfen an der Bande, ein paar zu schnelle Kreise beim Einlaufen, kurze Rufe, die niemand im Publikum versteht und alle trotzdem für Zuversicht halten sollen.
Shane Hollander kommt zuletzt.
Nicht als Showman. Nur als jemand, der keine Hilfe braucht, um als Mittelpunkt gelesen zu werden. Er dreht eine schnelle Runde, stoppt hart vor der Bande und sieht zu den Russen hinüber, als hätte das Spiel für ihn schon begonnen, bevor irgendjemand den Puck einwirft.
Jonathan verschränkt die Arme.
JONATHAN
Ah. Endlich das Match, bei dem alle so tun werden, als ginge es nur um Sport.
SCULLY
Und es tut das nicht?
JONATHAN
Es geht immer auch um Stolz, Herkunft, Kindheiten, Sponsoren, Schlagzeilen und Männer, die in ihrer Jugend zu oft gelobt werden, nur weil sie ihren Schläger in die richtige Richtung halten.
Jennifer nimmt einen Schluck aus ihrem Glas.
JENNIFER
Jonathan beschreibt Eishockey gern so, als wäre es ein Nebenschauplatz der Weltgeschichte. In Wahrheit ist es oft das ehrlichere Archiv davon.
Mulder nickt, ohne den Blick vom Eis zu nehmen.
MULDER
Das gefällt mir.
SCULLY
Natürlich.
Der erste Wechsel der Aufstellung. Die Captains sammeln sich zum Bully.
Shane und Ilya stehen sich in der Mitte gegenüber.
Von Weitem ist es die übliche Geometrie eines Eishockeyspiels. Von nahem wäre es etwas anderes: zwei Männer, die sich mit so kontrollierter Aufmerksamkeit betrachten, dass jede echte Gleichgültigkeit sofort lächerlich wirken würde.
Der Linienschiedsrichter geht dazwischen, erklärt etwas, das keiner von beiden wirklich hören muss.
Shane beugt sich einen Hauch vor.
SHANE
Du bist spät dran.
Ilya sieht nicht direkt zu ihm, nur auf den Raum zwischen ihnen.
ILYA
Und du verwechselst Lautstärke immer noch mit Taktik.
Der Puck fällt.
Sofort Bewegung.
Amerika gewinnt den ersten Antritt und schiebt das Spiel hart in die russische Zone. Nicht elegant. Absichtlich nicht. Ein Schuss von der blauen Linie, abgefälscht, der russische Goalie muss die Scheibe mit dem Schoner wegdrücken.
Die Halle lebt sofort anders als eben: mehr Rufe, mehr Reaktion auf jeden Körperkontakt, auf jedes Drängen, jedes Stoppen an der Bande.
Scully sieht dem ersten harten Zweikampf hinter dem Tor nach.
SCULLY
Das ist deutlich weniger zivilisiert.
JONATHAN
Ja. Deshalb wirkt es ehrlicher.
Russland antwortet nicht mit Härte, sondern mit Raum. Ein schneller Pass über die Mitte, ein weiterer diagonal in die Bewegung, und auf einmal läuft Amerika einem System hinterher, das gerade eben noch gar nicht da gewesen zu sein schien.
Ilya nimmt die Scheibe im Vorwärtsgleiten, zieht sie nah am Körper, täuscht den Pass an, hält sie doch und zwingt zwei Amerikaner in genau die falsche Richtung.
Mulder beobachtet, wie Shane in der Rückwärtsbewegung sofort auf ihn einschwenkt. Kein Zögern, kein Blick zum restlichen Feld, direkt auf Ilya.
MULDER
Das ist nicht nur Spielintelligenz.
SCULLY
Was dann?
MULDER
Das ist Gewohnheit. Er reagiert zu schnell auf ihn.
Jennifer hört es und sagt nichts. Nur ihr Blick bleibt für einen Moment auf Shane.
Russland wird erstmals richtig gefährlich. Ilya zieht bis an den rechten Kreis und legt dann in letzter Sekunde quer, ein russischer Stürmer kommt frei zum Schuss — knapp vorbei.
Ein hörbares Einziehen der Luft in der Halle.
Jonathan verzieht das Gesicht.
JONATHAN
Das war nun eindeutig kein amerikanisches Lehrvideo.
JENNIFER
Nein. Amerikanische Lehrvideos glauben eher an Kraft durch Propaganda - und Popcorn.
SCULLY
Und russische?
Jennifer folgt Ilya auf dem Eis.
JENNIFER
An Größe als Waffe.
Nächster Wechsel. Das Spiel wird ruppiger.
Amerika drückt körperlich stärker, versucht Russland früher an der Bande zu stellen, die Linie zur Mitte zu schließen, jede elegante Auflösung in ein Muskelproblem zu verwandeln.
Shane checkt einen russischen Verteidiger an der Bande sauber, hart und mit gerade genug Restanstand, um die Strafbank nicht zu bemühen. Das Publikum reagiert sofort.
Ilya, zwei Sekunden später, nimmt denselben Puck auf und läuft an genau der Lücke vorbei, die dieser Check im amerikanischen Block geöffnet hat.
Als er an Shane vorbeikommt, berühren sich ihre Schultern kurz.
Nicht als Unfall. Nicht ganz.
SHANE
War das schon dein ganzer Plan?
ILYA
Nein. Das war nur dein Fehler.
Shane dreht auf dem Absatz, folgt ihm sofort.
Scully bemerkt den Tonfall nicht, aber die Geschwindigkeit, mit der beide wieder ineinander einrasten.
SCULLY
Das sieht fast choreographiert aus.
MULDER
Ich sagte doch, mehr als Rivalität. Wenn es um Wettbetrug ginge?
SCULLY
Du sagst vieles. Aber hier geht es um Spenden, nicht um Wetten. Egal wer gewinnt.
MULDER
Und ich habe oft recht genug, um damit lästig zu sein. Ich will glauben!
Das Spiel bleibt offen.
Amerika bekommt eine gute Chance nach einem Abpraller. Shane zieht den Puck dicht vor dem Tor noch um den Schläger eines Russen herum, hebt ihn fast, aber der Goalie bekommt gerade noch den Handschuh hoch.
Ein Teil der Tribüne springt schon halb auf.
Jonathan tut es ihnen beinahe gleich.
JONATHAN
Jetzt sehe ich es. Jetzt verstehe ich, warum Menschen für diesen Sport frieren.
Jennifer lächelt nur kurz. Sie sieht nicht auf Shane, sondern auf den Philanthropen.
Der alte Mann klatscht an den richtigen Stellen. Doch sein Blick springt nicht mit dem Spiel. Er verfolgt bestimmte Spieler.
Shane.
Ilya.
Dann kurz den Arzt.
Dann wieder Shane.
Mulder sieht es im selben Moment.
MULDER
Er sieht nicht wie ein Sponsor zu. Eher wie ein Mann, der mit verschiedenen Investitionen gleichzeitig unzufrieden ist.
SCULLY
Nicht belastbar. Ist er der Betrüger oder der Betrogene? Oder gar ein Alien in menschlicher Verkleidung, das für die Regierung arbeitet.
MULDER
Ich weiß es nicht.
SCULLY
Nur damit wir die Traditionen wahren.
Das Spiel zieht weiter an.
Russland kommt zuerst zur Führung.
Nicht durch Zufall. Durch Geduld. Ein breiter Aufbau, Amerika wird nach außen gedrängt, glaubt schon, die Lage kontrolliert zu haben, und genau in dem Moment öffnet Ilya die Linie. Ein kurzer Zug nach innen, ein Pass an die Bande, Rückgabe in den Slot — Tor.
Die russische Bank jubelt kontrolliert. Die Amerikaner reagieren sofort körperlich, nicht emotional: Schläger an die Bande, kurze Ansagen, mehr Druck.
Shane fährt beim nächsten Bully so hart an, als wolle er den Rückstand durch reine Behauptung aus der Welt schieben.
Er gewinnt den Puck. Amerika antwortet schneller, direkter, ungeduldiger. Genau dadurch gefährlicher.
Zwei Wechsel später fällt der Ausgleich. Ein eher schmutziges Tor, nah am Kasten, viel Verkehr davor, der Puck rutscht irgendwie hinein, und gerade deshalb jubeln die Amerikaner lauter.
Shane hebt kaum die Arme. Sein erster Blick geht nicht zum Publikum, nicht zur Bank, sondern zu Ilya.
Ilya steht bereits wieder auf Position, als hätte er beschlossen, dem ganzen Vorfall keine Emotion zuzugestehen. Nur sein Mund ist eine Spur härter geworden.
JENNIFER
Das ist interessant.
Mulder sieht zu ihr.
MULDER
Was?
JENNIFER
Niemand auf diesem Eis reagiert auf das Spiel so schnell auf einen einzelnen Gegenspieler wie diese beiden aufeinander.
Scully sieht weiter hin.
SCULLY
Das ist auf diesem Niveau vielleicht normal. Beide sind geborene Anführer, sie haben ihre Positionen ehrlich erworben, nicht erheiratet oder geerbt.
Jennifer schüttelt kaum merklich den Kopf.
JENNIFER
Nicht in dieser Intensität.
Mulder lächelt dünn. Bestätigung gefällt ihm immer, vor allem von Jennifer.
SCULLY
Genieße das nicht so sichtbar.
MULDER
Ich genieße nur, dass ich nicht allein paranoid bin.
Er flüstert zu Scully
MULDER
Und du scheinst heute etwas eifersüchtig zu sein. 
JENNIFER
Oh, ich bin nicht paranoid, Mr. Mulder. Ich bin gesellschaftlich erfahren.
Die letzten Minuten des Spiels beginnen.
Frankreich beobachtet inzwischen geschlossen von der Bande. Moreau steht ruhig, Mercer ein Stück entfernt, beide wie Männer, die offiziell nur auf ihren nächsten Programmpunkt warten und inoffiziell jeden Fehler des Abends zählen.
Philanthrop spricht kurz mit dem Turnierarzt, nur über den lokalen Abgeordneten hinweg. Ein Satz, ein Nicken. Von weitem nichts Ungewöhnliches. Doch wieder geht der Blick danach nicht allgemein aufs Eis zurück, sondern zu den Captains.
Shane.
Ilya.
Luc.
Daniel.
Zu viele Linien in einem Gesicht.
Scully sieht es diesmal ebenfalls.
SCULLY
Er ordnet etwas.
Mulder dreht den Kopf zu ihr. Das ist mehr, als sie ihm sonst in so einer frühen Phase zugesteht. Er flüstert,
MULDER
Ja. Und wie ordnest du deine Gefühle gegenüber der glanzvollen Königin des Abends? Du konzentrierst dich nicht auf das Eis.
Auf dem Eis verdichtet sich alles zum letzten Wechsel.
Shane gewinnt das Bully hart. Ein amerikanischer Pass quer durch die neutrale Zone. Tempo. Druck. Lärm.
Ilya liest die Linie.
Er fängt den Puck nicht spektakulär ab. Gerade deshalb wirkt es fast beängstigender. Als hätte er den amerikanischen Spielzug schon gekannt, bevor die Amerikaner ihn selbst ganz verstanden.
Er zieht an, lässt einen Mann stehen, noch einen, schneidet zur Mitte, wo jeder normale Spieler passen würde, hält aber den Puck um einen Atemzug zu lange und schießt dann selbst.
Die Scheibe schlägt ein.
Stille.
Nur für einen Wimpernschlag.
Dann bricht die Halle auf.
Russland jubelt. Amerika flucht. Frankreich applaudiert mit ehrlichem sportlichem Respekt. Großbritannien reagiert wie auf eine Naturkatastrophe, die bedauerlich und sauber zugleich ist.
Ilya hebt den Schläger nur leicht. Kein Triumphgehabe. Eher ein knapper Vermerk, dass etwas Unvermeidliches eingetreten ist.
Shane steht noch in der Drehung des letzten verpassten Zugriffs.
Sein Blick trifft Ilya.
Nicht lang.
Der Schlusspfiff.
Russland gewinnt.
Die Mannschaften fahren aus. Die Halle applaudiert leiser, unruhiger, verhaltener als nach dem ersten Spiel. Jetzt ist die wohltätige Oberfläche endgültig dünn geworden. Es geht nicht mehr nur um Stipendien, sondern um Stolz, Bilder und darum, welche Erzählung der Abend nach außen tragen wird.
Der Sprecher überschlägt sich fast.
SPRECHER (O.S.)
Ein knapper, zufälliger Sieg der russischen Mannschaft in einer Begegnung, die an Spannung kaum zu überbieten war. Selten haben unsre amerikanischen Kufenhelden so gut gespielt, trotzdem spielt das Leben mit dir gern Katz und Maus. So etwas hat diese Halle in den letzten siebzig Jahren nie gesehen. So was wird sie auch in den nächsten siebzig Jahren so nicht mehr sehen.
Jonathan murmelt:
JONATHAN
Man könnte ihm auch weniger Wörter geben und mehr Sauerstoff. Wenn die Halle nächsten Sommer abgerissen wird, wird sie schon in einem Jahr gar nichts mehr sehen.
Jennifer ignoriert das. Ihr Blick folgt bereits den Umstellungen am Eisrand.
Helfer bringen den alten Wanderpokal heran. Das schwere Silberstück wirkt in diesem Licht fast zu groß, um nur dekorativ zu sein. Daneben werden die Stipendiaten wieder nach vorn dirigiert. Das Protokoll schließt sich.
Moreau sieht zum Philanthropen.
Mercer auch.
Philanthrop erhebt sich langsam.
Wieder nichts, was Außenstehenden auffallen müsste.
Aber Mulder registriert die Reihenfolge der Blicke. Scully das zu glatte Gesicht des alten Mannes. Jennifer, dass Jonathan ausnahmsweise einmal still geworden ist.
MULDER
Jetzt wird’s interessant.
SCULLY
Das sagst du, seit wir den Parkplatz gesehen haben. Aber ich sehe, wie das Ehepaar Hart hier scheinbar alles bezahlt, aber der Lokalprominenz jetzt die Show lässt. Ist das Bescheidenheit oder eine List? 
MULDER
Bist du für Russland? Oder nur gegen diese Halle?
Auf dem Eis stellt sich Ilya für die Siegerehrung auf. Shane bleibt mit den Amerikanern wenige Meter entfernt. Genug Distanz für den Raum. Nicht genug für das, was zwischen ihnen gerade mitschwingt.
Die Musik schwillt erneut an. Das Licht wird wärmer gestellt, als könne man damit für ein paar Minuten verbergen, was unter der Oberfläche dieses Abends längst in Bewegung geraten ist.
Russland hat gewonnen.
Amerika hat verloren.
Frankreich und Großbritannien haben zugesehen.
Und irgendwo zwischen Sponsor, Arzt, Spielern und Hallengeschichte scheint etwas auf seinen Moment zu warten.

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