Das Gesicht der Eishalle

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Die Halle hat ihr Gesicht gewechselt.
Wo eben noch Mikrophone, Kunstblumen und Spendenrhetorik standen, herrschen jetzt Kälte, Hall und die viel ehrlichere Logik des Spiels. Das Eis schimmert unter dem Licht wie etwas, das nichts vergisst. Die Jugendlichen mit den Stipendien sitzen jetzt am Rand der Tribüne, zwischen Lokalprominenz und ehrfürchtigen Eltern, und klammern sich an Programme, als seien sie Eintrittskarten in eine andere Zukunft.
Das Streichquartett ist verschwunden. Stattdessen schickt eine etwas überforderte Lautsprecheranlage Blechbläser und Trommeln durch den Raum, als müsse sie den Leuten beweisen, dass Sport nicht nur Bewegung, sondern Schicksal ist.
Auf dem Eis laufen die Mannschaften ein.
FRANKREICH zuerst.
Sie kommen nicht laut, nicht grob, sondern mit jener eleganten Selbstverständlichkeit, die fast schon eine Provokation ist. Ihre dunkelblauen Jacken sitzen zu gut, ihre Bewegungen wirken schon beim Einlaufen, als hätten sie beschlossen, selbst aus dem Aufwärmen noch eine Frage des Stils zu machen.
GROSSBRITANNIEN folgt.
Grauer, strenger, nüchterner. Weniger schön auf den ersten Blick, aber geschlossen, diszipliniert und mit jener stillen Beharrlichkeit, die wirkt, als hätte man ihr beigebracht, Haltungen wie Schlachtordnungen zu behandeln.
JONATHAN und JENNIFER stehen am Rand des VIP-Bereichs, beide mit Gläsern in der Hand, als hätte sich ihre Rolle nur leicht verschoben: vom Moderieren zum Beobachten.
MULDER und SCULLY stehen ein paar Schritte daneben, beide mit Tassen. Mulder hat seinen Kaffee inzwischen vergessen, Scully ihren Tee immerhin noch nicht ganz.
Ein SPRECHER aus der Lokalredaktion bemüht sich am Mikrofon um internationale Größe.
SPRECHER (O.S.)
Meine Damen und Herren, wir beginnen den sportlichen Teil dieser besonderen Nacht mit der Begegnung Frankreich gegen Großbritannien, Stil gegen Standhaftigkeit, Finesse gegen Disziplin—
Jonathan beugt sich leicht zu Scully.
JONATHAN
Lokalmoderatoren werden immer dann am gefährlichsten, wenn man ihnen Metaphern überlässt.
SCULLY
Ist das hier normal für Wohltätigkeitsveranstaltungen?
JONATHAN
Es ist mein erstes Mal hier.
Jennifer sieht aufs Eis.
JENNIFER
Frankreich wird die erste Hälfte schöner aussehen lassen. Großbritannien wird versuchen, den Abend in ein arbeitsfähiges Leiden zu verwandeln.
Mulder nickt zu den Mannschaften hinüber.
MULDER
Und wer gewinnt?
JENNIFER
Das hängt davon ab, ob Schönheit oder Trotz zuerst müde wird.
Der erste Pfiff.
Das Spiel beginnt schneller, als die Gala vermuten ließ.
Frankreich macht sofort Raum auf, zieht die Scheibe flach und präzise über die blaue Linie, als wolle es zeigen, dass Geschwindigkeit auch ohne Härte möglich ist. Ein Pass, noch einer, ein weicher Richtungswechsel, der britische Block muss sich neu sortieren.
Luc MOREAU ist von Anfang an der sichtbarste Kopf dieser Ordnung. Nicht, weil er laut wäre. Eher, weil um ihn herum jede Bewegung minimal richtiger aussieht als daneben. Er fordert den Puck nicht hektisch, sondern wie jemand, der davon ausgeht, dass gute Dinge ohnehin zu ihm finden.
Großbritannien hält dagegen. Nicht schön, aber klug. Sie verdichten die Mitte, zwingen Frankreich nach außen, lassen wenig offene Kanten zu. DANIEL MERCER organisiert das Spiel mit einem Tonfall und einer Körperhaltung, die selbst auf Kufen wirken, als könnte man damit Rekruten stillstellen.
Shane Hollander steht inzwischen mit verschränkten Armen an der Bande, bei den wartenden US-Spielern, und verfolgt das Ganze mit einem Blick, der zwischen echter sportlicher Aufmerksamkeit und dem Wunsch schwankt, endlich selbst aufs Eis zu dürfen.
Ilya Rozanov steht auf der russischen Seite, ruhiger, fast ohne sichtbare Ungeduld. Seine Mannschaft sieht wie immer so aus, als habe sie beschlossen, jede Emotion so lange zu rationieren, bis sie in einem wirklich nützlichen Moment gebraucht wird.
Philanthrop sitzt in der Ehrengastreihe, nur zwei Plätze von der Bürgermeisterstellvertreterin und einem regionalen Abgeordneten entfernt. Er klatscht an den erwarteten Stellen, nie zu früh, nie zu spät. Aber die Aufmerksamkeit, mit der er das Eis beobachtet, ist konzentrierter als die eines bloßen Sponsors.
Scully bemerkt es als Erste.
SCULLY
Er schaut nicht wie jemand zu, der nur für Fotos hier sitzt.
Mulder folgt ihrem Blick.
MULDER
Nein. Eher wie jemand, der prüfen will, ob etwas nach Plan läuft.
SCULLY
Das ist wieder keine belastbare Diagnose.
MULDER
Nein. Aber sie wird mit jeder Minute hübscher.
Auf dem Eis führt Frankreich den Puck wieder in die Zone. Moreau nimmt ihn an der Bande, dreht sich elegant um seinen Gegenspieler und legt ihn in die Mitte, wo ein Mitspieler nur knapp verpasst.
Ein hörbares „Ah!“ geht durch die Halle.
Jonathan verzieht das Gesicht wie ein Mann, der gerade begriffen hat, warum manche Leute Reisen für Sport in Kauf nehmen.
JONATHAN
Das war fast unverschämt hübsch.
JENNIFER
Franzosen empfinden es als persönliche Kränkung, wenn etwas Funktionales nicht zugleich ästhetisch lösbar ist.
SCULLY
Und Briten?
Jennifer sieht auf Mercer, der seinen Block wieder ordnet.
JENNIFER
Briten vertrauen Schönheit nie ganz, wenn sie nicht auch Schmerzen verursachen kann.
Mulder hebt die Tasse an, trinkt endlich und verzieht kaum merklich das Gesicht.
MULDER
Der Kaffee ist wirklich historisch.
SCULLY
In welchem Sinn?
MULDER
Als hätte er schon mehrere politische Systeme überlebt.
Das Spiel zieht sich fest.
Großbritannien wird stärker. Nicht plötzlich, sondern zäh. Mercer stoppt einen französischen Vorstoß mit einer Härte, die vollkommen regelkonform ist und gerade deshalb böse aussieht. Ein britischer Flügelspieler schiebt die Scheibe tief, zwingt Frankreich zum Rückweg, und auf einmal ist das schöne französische Aufbauspiel nicht mehr frei, sondern beschäftigt.
Moreau und Mercer treffen erstmals direkt an der Bande aufeinander.
Kein offener Zusammenprall. Nur ein enger Zweikampf um den Puck, Schulter an Schulter, beide zu diszipliniert für einen echten Regelverstoß, beide zu persönlich aufgeladen, um rein sportlich zu wirken.
Mercer bekommt die Scheibe frei.
Moreau lässt ihn ziehen, aber nicht ohne ihm im Vorbeigleiten etwas auf Französisch zu sagen. Zu kurz, zu leise, um verstanden zu werden.
Mercer antwortet nicht. Er muss es nicht. Die Steifheit in seinem Nacken reicht.
Mulder bemerkt das.
MULDER
Die zwei mögen sich nicht.
Scully blickt vom Eis nicht weg.
SCULLY
Das ist mutig formuliert.
MULDER
Ich arbeite heute mit meinen stärksten Thesen.
Jennifer wirft einen kurzen Blick zu den beiden Captains.
JENNIFER
Nein. Das ist nicht einfache Antipathie.
SCULLY
Sondern?
Jennifer nimmt sich eine Sekunde, bevor sie antwortet.
JENNIFER
Zu alt dafür. Oder zu gut erzogen.
Jonathan sieht zwischen Moreau und Mercer hin und her.
JONATHAN
Ich bin voller tragischer Reserven.
Das Spiel kippt wieder zu Frankreich.
Moreau übernimmt hinter dem Tor, dreht auf, zieht zwei Briten mit sich und legt die Scheibe mit einer Selbstverständlichkeit quer, die beinahe unanständig wirkt. Sein Mitspieler trifft.
TOR.
Die Halle reagiert nicht einheitlich, sondern lokal, fragmentiert, ehrfürchtig. Die Franzosen jubeln kontrolliert, die Briten nehmen es wie Wetter. Moreau hebt kaum die Hand, als wäre jeder offene Triumph bereits ein Stilbruch.
Mercer fährt zur Mitte zurück, das Gesicht glatt. Zu glatt.
Shane klopft mit dem Schläger gegen die Bande, halb als Anerkennung, halb aus Sportlerinstinkt. Ilya sieht das Tor ohne sichtbare Reaktion, aber seine Augen verfolgen Moreau danach noch einen Moment länger als nötig, bevor er kurz zu Shane hinüberschaut, es aber so aussehen läßt, als wolle er die Sponsoren dahinter messen.
Scully merkt es.
SCULLY
Die Russen beobachten nicht nur wegen des nächsten Spiels.
MULDER
Nein. Sie katalogisieren.
Jennifer lächelt kaum merklich.
JENNIFER
Russen tun selten etwas anderes.
In der Ehrengastreihe ist der Philanthrop nun über den lokalen Abgeordneten hinweg in ein Gespräch mit dem Turnierarzt vertieft. Es wirkt beiläufig. Ein Mann beugt sich zum anderen, eine knappe Bemerkung, ein Nicken. Von weitem nichts Verdächtiges. Nur zwei ältere Herren, die einen Spielstand kommentieren.
Mulder sieht es. Dann sieht er, wie der Philanthrop den Blick von ihm weg zum Eis zurückführt — zu Moreau, dann zu Mercer.
Nur ein Augenblick.
MULDER
Scully.
SCULLY
Ja.
MULDER
Wenn ich dir sage, dass unser Wohltäter gerade nicht wie ein Mann aussieht, der sich an Nachwuchsstipendien erfreut, antwortest du wieder mit „nicht belastbare Diagnose“?
SCULLY
Vermutlich.
MULDER
Gut. Dann spare ich uns beiden Zeit und denke es nur.
Das Spiel läuft weiter.
Großbritannien wird noch einmal gefährlich, aber Frankreich bringt den Vorsprung über die Zeit. Kein Triumphzug, eher ein sauberer, kalter kleiner Sieg. Die Briten verlieren knapp und wirken genau deshalb nicht geschlagen, sondern nur gekränkt genug, um sich alles zu merken.
Der Schlusspfiff.
Die Spieler gleiten aus. Moreau schüttelt Hand um Hand in korrekter Reihenfolge. Mercer tut dasselbe, als würde Anstand in England nur deshalb existieren, damit man selbst nach Niederlagen noch Struktur hat.
Als die beiden sich erreichen, halten sie die Hände einen Moment zu lange ineinander.
Keiner sagt etwas.
Aber Scully sieht es. Jennifer auch. Mulder sowieso.
Jonathan wiederum sieht nur zwei auffallend gute Kinnlinien und ein Maß an Beherrschung, das selbst für Hockey ungewöhnlich wirkt.
JONATHAN
Diese Sportart hat viel mehr ungelöste Biographien, als ich erwartet hätte.
JENNIFER
Sport ist sehr oft nur Biographie in Uniform.
Die französische Mannschaft zieht sich zurück. Die Briten sammeln sich zur Seite. Helfer fahren hinaus, glätten das Eis, räumen Pylonen und Getränkekisten fort, der Sprecher kündigt bereits mit hörbar mehr Energie das zweite Spiel an.
Russland gegen die Vereinigten Staaten.
Im Vorbeigehen kreuzt Moreau den Blick des Philanthropen.
Keine Begrüßung. Kein Nicken. Nichts, was Außenstehenden auffallen müsste.
Aber da ist zu viel Geschichte in zu wenig Blick.
Mercer sieht es ebenfalls.
Und zum ersten Mal liegt für einen Atemzug etwas Unsichtbares zwischen den Spielern in der Luft, das mit Sport nichts zu tun hat.
Mulder bemerkt es als Letzter der vier nur deshalb nicht zuerst, weil er im selben Augenblick zu Shane und Ilya hinübersieht.
Die beiden stehen jetzt näher an der Eisfläche, bereit für ihren Einsatz.
Nichts an ihnen ist offen.
Und genau deshalb wirkt es schon wie eine Drohung.
MULDER
Jetzt wird’s laut.
SCULLY
Du meinst sportlich?
Mulder sieht weiter auf das Eis.
MULDER
Heute Abend glaube ich an sehr wenige reine Kategorien.
Die Musik schwillt an. Das Licht verändert sich minimal. Die Halle sammelt sich neu.
Frankreich hat gewonnen.
Großbritannien hat verloren.

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