Das Foyer ist größer, als man es von außen vermutet hätte. Hohe Fenster, blank gewienerter Steinboden, dunkles Holz, Stahlträger unter Glas, dazwischen Lichtgirlanden, die alles gleichzeitig festlich und ein wenig abgewohnt aussehen lassen. Der Ort wirkt nicht renoviert, sondern für einen Abend hastig aufgehübscht.
Ein Streichquartett spielt etwas, das klingen soll wie Kultur und in Wahrheit nach Sponsorenbudget riecht.
Kellner balancieren Tabletts mit Sekt, Tee und kleinen Häppchen durch die Menge. Jugendliche in zu großen Jacketts und schlecht sitzenden Kleidern halten sich zu dicht an Wänden und Türrahmen, als hätten sie Angst, mit ihren Schuhen etwas zu beschmutzen, das ihnen nicht gehört. Dazwischen regionale Honoratioren, ehemalige Sportgrößen, lokale Unternehmerinnen, Damen mit altem Schmuck und Männer, die sich so geschniegelt bewegen, als sei auch ihre Erinnerung noch aus besseren Stoffen geschneidert.
Mulder und Scully folgen Jennifer und Jonathan durch den Raum.
JONATHAN
Wenn Sie sich fragen, warum das hier aussieht wie ein Diplomatenempfang in einer Eissporthalle: Das liegt daran, dass die Provinz in den Bergen jedes Jahr versucht, für einen Abend Wien, Genf und Monte Carlo zugleich zu sein.
SCULLY
Und gelingt es?
JONATHAN
Erstaunlich oft bis zum Dessert.
Jennifer gleitet an einer Dame vorbei, die sie im Vorübergehen beim Namen begrüßt, einem älteren Herrn zunickt und gleichzeitig mit einer kleinen Fingerbewegung einen Kellner umdirigiert, damit der nicht in eine Schulklasse frisch geschniegelteter Nachwuchsspieler hineinfährt.
JENNIFER
Jonathan hält solche Abende gern für Improvisation. In Wahrheit sind sie ein reines Logistikproblem mit Schmuck. Und ich habe mich angeboten, die rustikale Bürgermeisterin als Gastgeberin zu unterstützten, nachdem sie meinem Jonathan erlaubt hat, statt billigem Coca-Cola-Punsch zumindest Sekt, Tee und Kaffee auf die Getränkeliste zu setzen. Und zu bezahlen.
MULDER
Potenzial für kulinarische Katastrophen?
Jennifer wirft ihm einen kurzen Blick zu.
JENNIFER
Ja. Deshalb sind solche ländlichen Großereignisse interessant. Aber sie werden erstaunt sein, welche Internationalität sich heute trotz der Abgeschiedenheit hier versammelt. Kommen Sie!
Sie erreichen den Rand der Haupthalle.
Die Eisfläche liegt in kaltem Licht, glatt und beinahe unwirklich. Über ihr hängen die Fahnen der vier Nationen: Frankreich, Großbritannien, Russland, Vereinigte Staaten. Ein großes Banner spannt sich quer unter die Stahlträger:
INTERNATIONALES WOHLTÄTIGKEITSTURNIER FÜR HOCKEYSTIPENDIEN
LETZTER WINTER IN DER ALTEN HALLE
Am Rand des Eises steht ein Podium mit Mikrophonen, Kunstblumengestecken, einer Reihe Stühlen und einer Gruppe junger Stipendiaten, die sich bemühen, nicht eingeschüchtert auszusehen.
Auf der Gegenseite sammeln sich die Mannschaften in dunklen Anzügen und Teammänteln.
Scully bleibt einen Moment stehen.
SCULLY
Das ist größer, als ich erwartet hätte.
MULDER
Das ist immer ein schlechtes Zeichen.
SCULLY
Wir sind hier immer noch nur wegen Kaffee.
MULDER
Natürlich.
Jonathan folgt Mulders Blick zu den Teams.
JONATHAN
Dort drüben unsere sportlichen Hauptdarsteller. Frankreich, Großbritannien, Russland und die Vereinigten Staaten. Alles sehr zivilisiert, solange niemand Kufen anzieht.
SCULLY
Und wenn doch?
JONATHAN
Dann kommt der Wahrheitsgehalt einer Nation meist schneller zum Vorschein, als es Außenministerien lieb wäre.
Jennifer nimmt zwei Gläser von einem vorbeikommenden Tablett, reicht eines Scully, das andere Mulder.
JENNIFER
Bevor Jonathan jetzt internationale Beziehungen über Spielsysteme erklärt: Frankreich spielt schöner, Großbritannien leidet würdevoller, Russland kontrollierter und Amerika lauter.
MULDER
Das klingt überraschend empirisch.
JENNIFER
Nein. Nur nach vielen Wohltätigkeitsveranstaltungen.
Ein leichtes Klopfen am Mikrofon übertönt das Stimmengewirr. Die Gespräche im Raum sinken langsam ab.
Jennifer sieht zur Bühne.
JENNIFER
Das wäre mein Einsatz.
Jonathan atmet einmal durch, glättet seine Krawatte mit der Geste eines Mannes, der öffentliche Auftritte als Mischung aus Sport und Ehepflicht betrachtet.
JONATHAN
Wünschen Sie uns Haltung!
SCULLY
Ich dachte, Sie hätten dafür Jennifer.
JONATHAN
Eben.
Er bietet seiner Frau den Arm. Jennifer nimmt ihn nur für die drei Schritte bis zum Podium, dann löst sie sich und tritt ans Mikrofon.
Die Halle wird stiller. Nicht völlig, aber genug, dass jetzt jedes Räuspern, jedes Glas und jede Bewegung plötzlich Bedeutung bekommt.
Jennifer lässt den Blick über das Eis, die Tribüne und die Gäste gleiten.
JENNIFER
Meine Damen und Herren – willkommen im Namen von Bürgermeisterin Henriette Harrisson, die leider mit einer Migräne zuhause liegen muss. Versprechen Sie mir, zumindest ein Lachsbrötchen und eine Tasse Tee fürunsere liebe Henriette übrigzulassen. Dass Sie an einem Abend wie diesem lieber hier in einer siebzig Jahre alten Eishalle sitzen, statt in einem vernünftig beheizten Salon, spricht entweder für Ihren Gemeinsinn oder für eine bemerkenswert sentimentale Neigung zu architektonisch anspruchsvollen Abschieden.
Ein warmes Lachen läuft durch den Raum.
JENNIFER
Diese Halle wird leider im kommenden Sommer abgerissen. Das allein wäre schon Anlass für falsche Tränen, schlechte Reden und zu viele Menschen, die plötzlich behaupten, hier einmal besonders glücklich gewesen zu sein. Wir haben beschlossen, stattdessen etwas Nützlicheres zu tun.
Jonathan tritt neben sie, übernimmt das zweite Mikrofon.
JONATHAN
Zum Beispiel Geld einsammeln. Das ist in wohlerzogenen Kreisen bekanntlich die eleganteste Form praktischer Moral. Und es ist das Fundament, auf denm hier etwas ganz Neues erwachsen soll. Ein Ort internationaler Begegnung und diskursoffener Demokratiebildung, finanziert durch Spendengelder derer, die von Demokratieverbreitung immer profitiert haben.
Wieder Lachen, diesmal etwas voller.
JENNIFER
Und jungen Eishockeyspielern Möglichkeiten zu geben, die mit Talent beginnen und nicht am Kontostand ihrer Familien enden.
Sie deutet auf die Jugendlichen am Rand des Podiums. Der Applaus bemüht sich.
JENNIFER
Das heutige Turnier finanziert im kommenden Jahr hundertvierundvierzig internationale Austauschstipendien für Hockeylehrlinge, die etwas können, aber nicht genug Mittel haben, um daraus ohne Hilfe etwas zu machen.
JONATHAN
Und weil gute Absichten allein selten Zuschauer binden, haben wir die vier wichtigsten Nationen der Welt gebeten, sich dafür auf kontrolliert ehrgeizige Weise auf dem Eis zu messen.
Ein Raunen geht durch die Halle; jetzt sehen alle zu den Teams.
JENNIFER
Frankreich.
Ein Teil des Publikums applaudiert. Die französische Mannschaft neigt fast geschlossen leicht die Köpfe, als sei selbst Zustimmung eine Frage der Form.
JENNIFER
Großbritannien.
Britischer Applaus klingt in jeder Sprache gleich: korrekt, knapp, stoisch.
JENNIFER
Russland.
Die russische Mannschaft bleibt diszipliniert still, aber ihre Präsenz allein wirkt wie eine Antwort.
JENNIFER
Und die Vereinigten Staaten.
Hier wird der Applaus lauter. Jonathan tut so, als sei das eine Naturgewalt und nicht teilweise auch sein eigenes, sehr amerikanisches Moderationsgefühl.
Mulder und Scully stehen etwas seitlich im Halbschatten des Foyers und sehen auf die Teams.
Shane Hollander steht bei den Amerikanern mit einer Gelassenheit, die knapp am Übermut vorbeigeht. Zu photogen, um unbemerkt zu bleiben, und klug genug, so zu tun, als sei ihm das lästig.
Bei den Russen steht Ilya Rozanov fast reglos. Nicht versteckt. Eher wie jemand, der die Aufmerksamkeit nicht sucht, weil sie ohnehin zu ihm kommt.
Mulder bemerkt den aggressiven Blickwechsel zuerst. Kein offenes Ansehen, nur die kurze, messende Wahrnehmung zweier Männer, die genau wissen, wo der andere im Raum steht.
MULDER
Da.
SCULLY
Was?
MULDER
Die zwei.
Scully folgt seinem Blick.
SCULLY
Rivalität.
MULDER
Mehr als das. Eine Inszenierung eines Dritten Weltkriegs - auf dem Eis.
SCULLY
Mulder, wir sind seit sieben Minuten hier.
MULDER
Manchmal reichen sieben Sekunden.
Auf dem Podium setzt Jonathan nach.
JONATHAN
Wir möchten außerdem unserem großzügigen Förderer danken, ohne den weder diese Gala noch das mit genau diesen vier Jugendmannschaften aufgestellte Turnier noch die Stipendien heute in dieser Form möglich wären. Walter Franklin, der hier hochberühmte Entrepreneur, Naturschützer und Sponsor!
Er wendet sich leicht zur ersten Reihe der Ehrengäste.
Ein älterer Mann steht auf. Groß, silberhaarig, gut geschnittenes, aber zu altmodisches Abendjackett, die Haltung eines Menschen, der sein Leben lang darauf geachtet hat, wie ein Raum ihn sieht. Er wirkt nicht wie ein Provinzsponsor, eher wie jemand, der seit Jahrzehnten gelernt hat, sich überall so zu bewegen, als gehöre ihm zumindest die bessere Hälfte der Geschichte.
Der Applaus ist respektvoll. Nicht warm. Nicht kalt. Nur geübt.
Er nickt leicht, bleibt aber bei seinem Sitzplatz, als wolle er Größe lieber dosieren als ausstellen.
JENNIFER
Und nun zu den eigentlichen Gründen, warum Sie alle heute hier sind: dem Spiel, der Konkurrenz und dem seltenen Augenblick, in dem erwachsene Männer patriotisch genug werden dürfen, um dafür auch noch gelobt zu werden.
Lachen.
JENNIFER
Doch bevor wir beginnen, möchte ich unsere Ehrengäste unter den Spielern vorstellen.
JENNIFER
Für Frankreich: Luc Moreau.
Applaus. Moreau tritt einen halben Schritt vor. Elegante Haltung, aufrechte Reserviertheit, ein Gesicht, das selbst in Ruhe aussieht, als hielte es seine Reaktionen unter bewusster Kontrolle.
JENNIFER
Für Großbritannien: Daniel Mercer.
Mercer tritt ebenso knapp vor. Größer, härter gezeichnet, mit jener glatten Beherrschung, die im Gesicht britischer Männer oft aussieht, als sei sie ihnen schon in Internaten antrainiert worden.
JENNIFER
Für Russland: Ilya Rozanov.
Rozanov tritt vor, und obwohl er nichts weiter tut als stehen, verändert sich die Aufmerksamkeit im Raum. Nicht mehr. Nur dichter.
JENNIFER
Und für unsere Vereinigten Staaten: Shane Hollander.
Das Publikum reagiert hörbar stärker. Shane nimmt es mit einem beinahe unverschämten Minimum an Demut.
Jonathan, ganz nebenbei am zweiten Mikrofon:
JONATHAN
Man merkt übrigens sehr genau, welche Namen den regionalen Sportteil dominieren.
Jennifer ignoriert das mit professioneller Eheerfahrung.
JENNIFER
Hockey lebt von Tempo, Härte und Konkurrenz. Aber kein Sport ist etwas wert, wenn die Menschen auf dem Eis nicht auch wissen, wann aus Rivalität Verantwortung werden muss.
Mulder merkt sich den Satz. Scully auch.
Philanthrop beobachtet vom Rand des Podiums aus aufmerksam die Reihe der Captains. Sein Gesicht bleibt freundlich genug, aber um die Augen liegt für einen Moment etwas Härteres. Etwas, das mit dem Ton der Gala nicht ganz Schritt hält.
Mulder sieht es.
MULDER
Der da draußen lächelt, als hätte er im Laufe seines Lebens vielen Menschen Gründe gegeben, es nicht zu tun.
SCULLY
Das ist keine besonders belastbare Diagnose.
MULDER
Nein. Nur eine ästhetische.
JENNIFER
Meine Damen und Herren, genießen Sie den Abend, geben Sie zu viel Geld aus und benehmen Sie sich wenigstens so lange würdevoll, bis das erste Bully fällt.
Applaus. Musik setzt wieder ein. Sofort löst sich die geordnete Stille in Gespräche, Gläser, Bewegungen und die geschäftige Unruhe eines Abends auf, der offiziell noch festlich ist.
Jonathan beugt sich zum Mikrofon, als könne er nicht anders.
JONATHAN
Und falls jemand fragt: Nein, wir haben den sportlichen Teil absichtlich nach den Spenden gesetzt. Erfahrungsgemäß lässt sich Großzügigkeit sehr viel leichter aus Menschen herausholen, bevor nationale Eitelkeiten in Bewegung geraten. Essen Sie Croissants, die so knusprig sind, als wären sie vorige Woche in Paris selbst gebacken worden. Trinken sie Bier, das schmeckt, als hätte Königin Victoria es persönlich gezapft und geniessen sie Kaviar aus Russland, so kalt wie das Eis unter den Füßen der Hockeyspieler.
Noch einmal Lachen.
Mulder sieht weiter auf das Podium, auf den Philanthropen, auf die vier Captains, auf die Harts im Licht, auf das Eis dahinter, das nun da liegt wie eine saubere Fläche, die nur darauf wartet, schmutzig gemacht zu werden.
MULDER
Scully.
SCULLY
Nein.
MULDER
Ich wollte nur sagen, dass das hier vermutlich kein harmloser Kaffeeabend mehr wird.
SCULLY
Das wusstest du in dem Moment, als wir den ersten Pressewagen gesehen haben.
MULDER
Ja.
SCULLY
Und?
Sie nimmt endlich einen Schluck aus ihrer Tasse.
SCULLY
Der Russische Tee ist immerhin besser als erwartet.
Mulder lächelt. Dann blickt er wieder hinaus aufs Eis.
Zwischen den Teams beginnen Helfer die letzten Markierungen zu prüfen. Lichter spiegeln sich in der Fläche, als läge unter dem kalten Glanz mehr Vergangenheit, als diese Halle in einer einzigen Abschiedsnacht preisgeben sollte.


