Aleksandra betrat das Vorzimmer von General Schelepins Büro. Dessen Sekretärin, die wie Aleksandra in schlichtes Grau gekleidet war, schaute kurz über den Rand ihrer Brille und deutete dann stumm auf die Sitzbank für die Wartenden.
Alexandra wartete etwa eine halbe Stunde, bevor Schelepins Sekretärin sie ansprach und in das Büro schickte. Der General saß, im schlichten Anzug, hinter seinem großen Schreibtisch, daneben stand in Uniform Oberst Zollnikow, der Presseverantwortliche des sowjetischen Verteidigungsministeriums. Aleksandra erinnerte sich, ihm in der Oper vorgestellt worden zu sein. Der General eröffnete das Gespräch: „Aleksandra, du hast unsere Erwartungen übertroffen. Und das ist schwierig, denn bei dir waren unsere Erwartungen schon sehr hoch. Es wird hier in nächster Zukunft einige Veränderungen geben. Doch zunächst möchte ich das Wort an Oberst Zollnikow weitergeben, der dir einige Punkte zu erklären hat.“
Der Oberst räusperte sich, zog aus einer Mappe ein Blatt und gab es Aleksandra: „Es wird für Sie schmerzlich sein, aber wir mussten für die sowjetische Öffentlichkeit die Ereignisse von Cartagena ein wenig anpassen. Dieser Bericht wird offiziell erscheinen.“ Aleksandra überflog den Text und konnte ein leichtes Kopfschütteln nicht unterdrücken. In gewohnt überladener Weise wurde hier der Heldentod der beiden Konteradmirale Ossipenko und Piatnizki im Kampf gegen die kolumbianischen Faschisten gerühmt.
„Wie Sie sehen, haben wir ihren Bruder posthum zum Konteradmiral befördert. Er wird ein besonderes Denkmal an der Marineuniversität in Leningrad erhalten. Und in einiger Zeit wird ein U-Boot nach ihm benannt werden. Ossipenko durften wir nicht als Verräter darstellen, um nicht weitere Desertionen zu provozieren. Er wird aber gemäß interner Regelung aus der Traditionspflege ausgeschlossen. Damit verhindern wir, dass Schiffe, Gebäude oder Ausbildungsjahrgänge nach ihm benannt werden.“ erklärte Zollnikow.
Schelepin schaute auf Aleksandra, die ruhig nickte, dann holte er eine kleine Kassette aus seiner Schreibtischlade und ging zu Aleksandra. Er öffnete das Kästchen, holte einen Orden heraus und befestigte ihn an Aleksandras Jacke: „Im Namen des Volkes der Sowjetunion und im Auftrag der Kommunistischen Partei verleihe ich Dir, Aleksandra Ossipowna Piatnizkaja, den Titel Heldin der Sowjetunion. Mit nächsten Monatsersten wirst Du Leiterin der Abteilung für wissenschaftliche Zusammenarbeit. In deiner Hand liegt dann die Verantwortung für die gesamte Koordination unserer entsprechenden Bemühungen weltweit. Du unterstehst in diesen Belangen unmittelbar dem Außen- und dem Wissenschaftsminister, die dir aber in der Auswahl der Projekte und des Personals völlig Freiheit lassen werden. Für deine besonderen Dienste bin weiterhin ich der alleinige Ansprechpartner. Dein Vorgänger wird sich in Zukunft als Bürgermeister einer sibirischen 2000-Einwohner-Gemeinde bemühen, den Schaden, den er im Rahmen des Putsches angerichtet hat, abzubauen. Es steht dir frei, Genossen Schachlikow, Genossin Gussewa oder andere als persönliche Mitarbeiter in deinen Stab zu holen.“
Aleksandra ergriff Schelepins entgegengestreckte Hand automatisch. „Aleksandra, du wirst außerdem zum Generalleutnant befördert. Damit verbunden ist deine Übersiedelung in eine angemessenere Wohnung.“
Sie antwortete kühl: „Genosse General, ich bedanke mich für die Ehre. Ich werde auch in Zukunft mit allen Kräften für den Sieg des Sozialismus arbeiten. Ich erbitte zwei Tage Bedenkzeit für die Auswahl meines persönlichen Stabes. Ich möchte zuerst den internen Abschlussbericht für die vergangenen Monate fertigstellen. Wenn das alles war, möchte ich jetzt bitte gehen.“
Schelepin nickte, ging wieder hinter seinen Schreibtisch und setzte sich. Oberst Zollnikow salutierte, bevor Aleksandra sich mit einer militärischen Kehrtwendung umdrehte und zur Tür ging. Sie hatte schon die Schnalle in der Hand, als Schelepin sie erneut ansprach: „Ich hatte erwartet, dass du nach Doktor Erath fragen wirst.“
Aleksandra drehte sich um und hielt dem forschenden Blick Schelepins mühelos stand: „Ich bin überzeugt davon, dass er sicher nach Österreich zurückgekehrt sein wird. Bei seiner wissenschaftlichen Qualifikation wird er in seiner Institution sicher bald eine Lehrstelle für Kirchengeschichte erhalten. Ich bin mir auch sicher, dass er trotz allem ein positiveres Bild der Sowjetunion und des real existierenden Sozialismus mit nach Österreich genommen hat, als es zur Zeit seiner Ankunft war. Und er wird das Breitspurbahnprojekt bei seinen Stellen positiv bewerten.“
Schelepin lächelte: „Und er wird sicher nicht das letzte Mal mit dir zusammengearbeitet haben!“


