23. April 1957 in Rom

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Johann ließ seine Augen über die schlichte Fassade von San Bartolomeo all’Isola auf der Tiberinsel schweifen. „Gerhard kommt später, er hat gesagt, er müsse noch ein Buch über die sozialethische Dimension des überteuerten Verkaufs von Lebensmitteln in unmittelbaren Nachkriegssituationen fertig lesen, aber ich bin sicher, dass er währenddessen oder stattdessen das alte Ding repariert, dass er in einer Müllhalde bei der Villa Borghese gefunden hat.“


„Du meinst den Fernseher? Der ist sicher noch von den Deutschen übrig! Aber trotzdem: Wahnsinn, dann hättet ihr in der Anima einen Fernseher! Heimlich natürlich, aber das wäre echt ein Anlass, zu euch hinüberzukommen, bewahre der heilige Josaphat!“ Grigori schaute schon wieder ungeduldig auf die Uhr. „Ich wusste, dass James nicht pünktlich sein wird. Wir hätten uns gleich in der Bibliothek treffen sollen.“, knurrte der große Kleriker, dessen Bart mit einem schmalen schwarzen Band zusammengebunden war.


Johann wurde durch diese Unterbrechung aus seinen Gedanken gerissen: „Du weißt doch, dass die britischen Uhren anders ticken. Er wird wohl den Osterdienstag noch als Feiertag verstehen und deshalb später aufgestanden sein. Wusstest du eigentlich, dass diese Kirche von Kaiser Otto II. in Auftrag gegeben wurde? Die Architekten dafür ließ er in Prag, Paris und Lüttich rekrutieren.“ 


„Und wen außer Kirchenarchitekturstreber interessiert so etwas? Nun behaupte ja nicht, dass diese Kirche Hinweise darauf enthielte, dass dieser Otto durch die besondere Verehrung des Apostels der Armenier eine Brücke zum Osten schlagen wollte, bewahre der heilige Josaphat!“ 
Johann musste nur kurz nachdenken: „Du hast doch nicht vergessen, dass dieser Otto die Nichte des byzantinischen Kaisers geheiratet hat. Damit hätte der Streit zwischen Ost und West ein Ende haben können. Die Kinder der beiden hätten Osten und Westen in sich getragen und Verständnis geboren.“


Grigori lachte: „Ihr Westösterreicher seid schon ein romantisches Völkchen. Man kann nicht jeden Konflikt durch eine Heirat lösen. Und schon gar nicht, nachdem im Zeitalter der Demokratien die Staatsoberhäupter so schnell wechseln, dass sich Heiraten gar nicht mehr auszahlt. Außerdem war Theophanu nur sehr indirekt Nichte von Kaiser Johannes. Frag dazu mal James, unser wandelndes Adelslexikon.“


Obwohl Johann schon zu einer weiteren Rechtfertigung der besonderen Stellung Kaiserin Theophanus ansetzen wollte, hielt er inne, als James mit seinen etwas zu langen Haaren um die Ecke bog. „Ah, ihr seid ja noch da; bei eurem Fleiß hatte ich vermutet, dass ihr schon in die Bibliothek verschwunden seid.“


Grigori schüttelte etwas unwillig den Kopf: „Wie kann deine Königin nur ein so großes Reich zusammenhalten, wenn ihr immer so chaotisch seid? Lass mich raten: Du warst ganz intensiv in das Studium ihrer neuesten Mode vertieft und hast die Zeit übersehen?“ 


James schüttelte heftig den Kopf: „Nein, auch wenn der modische Geschmack unserer glorreichen Königin weltweit bekannt und nachgeahmt wird. Aber sobald ihr erfahren haben werdet, weshalb ich mich verspätet habe, werdet ihr es verstehen: Ich musste noch ein Buch zu Ende lesen, das ich von meiner Schwester zu Ostern geschickt bekommen habe. Und zu dir, Grigori, kann ich nur sagen, dass du dich mehr wie ein Deutscher als wie ein Ukrainer anhörst. Wir Briten sind nicht die Repräsentanten eines unklugen Pünktlichkeitswahns. Wichtiger ist doch, zur richtigen Zeit das Richtige zu tun, wie Königinwitwe Mary immer sagt. Das ist der Grund für meine kleine Verspätung: Ein neuer Roman von Ian Fleming!“ 


Johann schüttelte skeptisch den Kopf: „Ich denke nicht, dass für unsere Studien da etwas Interessantes drinsteht. Wir sollten jetzt wirklich zur Bibliothek! Außerdem ist er ein Anglikaner!“


„Ich dachte ja, dass du irgendwelche Artikel über den Besuch deiner Königin in Hannover ausgeschnitten hättest.“, höhnte Grigori. 


Die Gruppe setzte sich in Bewegung, ohne das Gespräch zu unterbrechen.
„Ihr seid solche Banausen! Unsere liebe Königin war schon zum Dreikönigsfest 1948 zum ersten Mal in Hannover. Übrigens zum ersten Mal, dass wieder ein britischer Monarch seit 1837  in Hannover residierte. Damals war die Personalunion zerbrochen, weil in unserem Land die glorreiche Königin Victoria den Thron bestieg, aber das Königreich Hannover weibliche Erbfolge bis zur Monarchienübereinkunft nicht anerkannte.“


Johann dachte nach, während sie den schweren Türflügel aufschoben: „Aber damals war sie ja erst Thronfolgerin und noch keine Monarchin, oder?“


„Das ist doch einerlei, jetzt ist sie die Königin; und das Vereinigte Königreich ist noch vereinigter Großbritannien, Nordirland und Hannover-Braunschweig-Oldenburg-Schaumburg-Lippe, oder wie Premierminister Churchill süffisant bemerkte: Niedersachsen, was allerdings kein Königreich ist und deshalb...“


„In der Bibliothek müssen wir schweigen, also sag entweder noch etwas Interessantes, oder wir gehen rein.“ knurrte Grigori.


James grinste: „Wenn ich Ian Fleming wäre, würde ich vermuten, dass dieser Besuch der Anbahnung der Hochzeit Prinzessin Margereths dient. Ich tippe auf einen Schaumburg-Lippener oder Oldenburger. Jetzt müsste man ER sein.“


„Wer, Fleming?“, fragte Grigori, der nun doch das Buch aus James Händen nahm und aufschlug, sogleich nachsetzend, „Liebesgrüße aus Moskau? Wer denkt sich denn so etwas aus? Da kommen höchstens Atomraketen her, bewahre der heilige Josaphat!“


„Oder“, meinte nun verschmitzt lächelnd Johann, „der gute Wodka, den es ab und zu bei dir gibt.“


Grigori hob die Schultern: „Aber nicht in der Fastenzeit, und davon haben wir ja nun eindeutig mehr als ihr. Insofern müssen wir das auch danach mit stärkeren Getränken kompensieren.“
James griff nun wieder nach dem Buch und streckte es Johann entgegen: „Der Geheimagent, der natürlich denselben Namen trägt wie ich“, dabei strahlte er über das ganze Gesicht, „wird in diesem Buch eine wunderschöne sowjetische Geheimagentin verführen, die noch dazu eine Romanow ist.“


Nun begann Grigori zu lachen: „Eine Romanowa also? Ist Anastasia also doch nach Moskau zurückgekehrt, um jetzt für die Roten zu arbeiten?“


James, der sich dadurch nicht ganz ernst genommen fühlte, ergriff eine dozierende Haltung und klärte auf: „Natürlich nicht, du Banause, die Romanheldin heißt Tatjana! Und das Buch ist gut recherchiert. Fleming ist zwar Anglikaner, aber die Eltern meines Namensvetters stammen aus Schottland bzw. der Schweiz. Das spricht sehr dafür, dass er katholisch ist.“


„Oder reformiert, was sogar noch schlimmer wäre als anglikanisch“, bemerkte nun auch Johann spöttisch, der die ersten Seiten des Buches durchblätterte.


Ein Glockenschlag riss die drei ungleichen Studenten aus ihrer Diskussion. Johann ergriff als erster wieder das Wort: „Ich habe nächste Woche eine Prüfung bei Professor Liberito in San Anselmo. Dafür sollte ich gründlich lernen.“


Grigori wandte sich ihm zu: „Ich verstehe nicht, warum du Kurse in Gregorianik belegt hast. Für dein Studium brauchst du das ja gar nicht. Und mit Architektur hat es sogar noch weniger zu tun als mit Kirchengeschichte.“


„Du weißt, dass ich Architektur nur meinen Eltern zuliebe studiert habe, weil sie Sorge hatten, dass Theologen keinen Brotberuf haben, wenn sie exkommuniziert würden.“


Grigori kicherte: „Schlaue Leute, deine Eltern. Auch wenn in unserer katholischen Heimat selten jemand exkommuniziert wird, wenn er nicht gerade goldene Löffel stiehlt oder für die Russen spioniert.“


James mischte sich nun ein: „Unsere klugen Österreicher. Johann philosophiert über die Anzahl der Giebel in Saint Denis, Gerhard bastelt heimlich einen Fernseher, Grigori, warum hast du kein Zweitstudium gemacht?“


„Wenn wir nicht bald in die Bibliothek gehen, schaffe ich nicht mal mein erstes Studium!“


„Die große Geschichte der griechisch-katholischen Kirche eures Kaiserreichs ist ja kein so breit beackertes Thema, dass du für deine Dissertation so wie ich hunderte Bücher lesen müsstest.“


Johann rümpfte die Nase, irgendwie ärgerte es ihn, wenn die anderen auf die besonderen Umstände der Kirche in Österreich hinwiesen. Natürlich war es anders, als aus einem Land zu kommen, wo Katholiken in der Minderheit oder gar verfolgt waren, aber er bildete sich nicht ein, dass der österreichische Katholizismus den römischen Gepflogenheiten und Lehrmethoden überlegen war – auch wenn manchmal leise Gedanken dieser Art im Unterton seiner Schwärmereien von zuhause hörbar waren. Zur Verteidigung sagte er: „Die Wirkung der historischen Erinnerung an Katharina von Spanien im Kontext des kolumbianischen Katholizismus als Antwort auf angloexpansionistische Missionsarbeit ist auch nicht gerade ein zentrales Thema der Welttheologie. Und diese Gregorianik-Vorlesungen sind sehr aufschlussreich. Mir war die Bedeutsamkeit des Textes in dieser Art des Gesangs vorher nicht so bewusst.“


James wurde ungeduldig: „Du weißt, dass ich den abwertenden Terminus angloexpansionistisch nicht so gerne höre: Die meisten Völker haben freiwillig darum gebeten, Mitglied des Empire werden zu dürfen. Doch es gibt ein wichtigeres Thema: Wirst du ihn lesen?“


Johanns Antwort, die ihn aus seinen Gedanken riss, fiel nüchtern aus: „Äh…ja, wenn ich Zeit habe, werde ich dieses großartige Produkt britischer Poesie lesen. Und ich werde versuchen herauszufinden, ob dein Lieblingsagent nun katholisch oder reformiert ist.“


Zu Grigori gewandt, sagte James: „Er ist ja nur eifersüchtig, weil es keinen österreichischen Geheimdienst gibt, über den man Romane schreiben könnte. Da geht es uns beiden besser, selbst“ räumte er nach einem stirnrunzelnden Blick Grigoris ein, „Wenn natürlich die Geheimdienste unserer Heimatregierungen aus katholischer Perspektive zu verwerfen sind. Aber“, setzte er fast trotzig hinzu, „spannende Geschichten geben sie allemal ab.“ 


Johann schüttelte den Kopf: „Alles, was man tun soll, das kann man öffentlich machen.  Geheimdienste sind immer seltsam. Und wie die Geschichte lehrt, haben geheime Abkommen immer zu größerem Unheil geführt.“


Grigori knurrte leise etwas wie „Inzwischen ist meine Heimat auch - wieder - österreichisch, bewahre der heilige Josaphat, und nicht Teil des Reiches der Hölle auf der anderen Seite des Zauns!“ 


Vor ihnen eröffnete sich die klassizistische Eingangshalle der Bibliothek, die wortlos Schweigen gebot. Das Gebäude strahlte eine solche Autorität aus, das selbst James sich schnell mit den gespreizten Fingern durch die Haare fuhr, um eine halbwegs seriöse Frisur hinzubekommen: 
„Wir sind da! Lasst uns in einem Meer von Wissen versinken. Über Katharina in Kolumbien, griechische Katholiken in Uschhorod und den siebenjährigen Krieg.“ schwärmte Johann.

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