23. April 1957 in Moskau

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Die Wohnung bestand aus zwei Zimmern und einem kleinen Bad. Im Schlafzimmer fand sich ein schmales Bett, dessen Decke akkurat gefaltet war und dessen zwei Polster so aufgelegt waren, als stünde das Bett in einer Kaserne. In eine Wandnische waren zwei Kästen eingebaut. 
Das zweite, größere Zimmer hatte an zwei Wänden Fenster, die den Blick auf den strömenden Regen freigaben. Neben der Eingangstüre befand sich ein kleiner Kleiderhaken, an der rechten Wand zwei Bücherregale und eine Kochnische, an der linken Wand ein kleiner Schreibtisch mit einigen Büchern und Notizen darauf. In der Mitte des Raumes stand der billige Esstisch mit vier Sesseln rundherum. 


Die einzigen dekorativen Elemente waren zwei Bilder von Eisenbahnbrücken und ein Lenin-Bild, das über dem Schreibtisch aufgehängt war.


Ein letzter Blick auf die Uhr verhieß Aleksandra, dass der Besuch von Olga jeden Augenblick bevorstand. Sie liebte ihre Freundin aus frühen Kindertagen, auch wenn deren ungebremste Leichtigkeit ihr genauso viel Sorge wie Ablenkung bereitete. Ein letztes Zurechtrücken des Tellers mit den Keksen in der Mitte des Tischs wurde da schon vom heftigen Klopfen an der Tür unterbrochen.


„Schläfst Du?“, war da schon die helle Stimme zu hören, als Aleksandra die Tür öffnete. „Warum bist Du noch nicht umgezogen? Wir könnten doch heute Abend irgend etwas unternehmen? Wie wäre es mit einem Essen bei Grigori? Oder einem Film? Oder stört dich der Regen? Ach, ich hätte es fast vergessen:“, sprudelte es nur so aus Olga heraus, „hier ist dein Geschenk! Alles Gute zum Geburtstag!“


Mit diesen Worten umarmte sie Aleksandra heftig, wirbelte einmal mit ihr herum und drückte ihr dann ein in braunes Papier eingewickeltes schmales Bändchen in die Hand. Ihren nassen Regenmantel warf Olga mehr auf den Kleiderhaken neben Aleksandras Mantel, als dass sie ihn aufhing. Ohne aufgefordert zu werden, nahm sie auf einem der Sessel platz und begann, genüsslich an einem Keks zu knabbern. „Mach es schon auf!“


Aleksandra schloss zuerst die Tür, nicht ohne routiniert auf dem Gang nach rechts und links zu sehen. „Vielen Dank für dein Geschenk! Willst du etwas Tee?“, fragte Aleksandra ruhig. Olgas tropfende Regenmantel trug noch den Hauch von nassem Asphalt in die Wohnung.


„Willst du es denn gar nicht aufmachen? Tee können wir trinken, wenn wir alt sind. Heute gibt es Sekt!“, mit diesen Worten deutete Olga mit hektischen Handbewegungen das Öffnen des Pakets an, um gleich danach aus ihrer Stoffhandtasche eine Flasche Krim-Sekt zu nehmen. Flugs sprang sie von dem Sessel auf, um aus dem Küchenschrank zwei Wassergläser zu nehmen, den Sekt laut knallend zu öffnen und in beide Gläser einzuschenken.


Aleksandra war – wie jedes Mal, wenn sie auf Olga traf – wie elektrisiert von deren Temperament. Die Szene lief vor ihr ab, wie ein zu schnell fahrender Zug. Doch pflichtschuldig begann sie, vorsichtig das Papier, mit dem ihr Geschenk umwickelt war, aufzufalten. Jeder Geburtstag erinnerte sie an ihre Eltern und ihre beiden Brüder. Ihre Eltern waren tot, beide Brüder weit entfernt, Igor als Arzt in Wladiwostok, und Wladimir auf einem Schiff der Marine im Pazifik. Drei Waisen mit einem mächtigen Fürsprecher, drei Waisen durch Stalins terroristische Ermordung ihrer Eltern.


Olgas Worte rissen sie aus der Vergangenheit. „Ich hätte es ja aufgerissen, aber du möchtest sicher das Papier zum Verpacken eines weiteren Geschenkes oder zumindest einer Jause verwenden, du vorbildliche Genossin!“, höhnte Olga. 


Schließlich konnte Aleksandra das Papier zur Seite legen und hielt ein Büchlein in Händen. Auf dem Einband, der aus rotem Karton bestand, war eine Gruppe Lenin-Pioniere zu sehen, die fröhlich singend marschierte. Aleksandra war verblüfft: „Mir ist schon klar, dass ich ein Jahr jünger bin als du, aber aus dem Komsomol-Alter bin ich doch heraus. Was soll ich denn mit einem Kinderbuch?“


„Du vergisst völlig, wo ich arbeite. Man merkt, dass du eine naive Architektin bist! Schlag doch das Buch auf!“ 


Aleksandra tat, wie ihr Olga befohlen hatte und blickte erschrocken auf: „Liebesgrüße aus Moskau von Ian Fleming? Du schenkst mir ein Buch aus den USA oder denn KSA? Bist du verrückt?“ Aleksandra war verwirrt und misstrauisch, Olga arbeitete im Außenministerium, aber sie konnte nichts von Aleksandras zusätzlichen Aufgaben wissen. Sie war offiziell nur eine Architektin im Interministeriellen Komitee für wissenschaftliche Zusammenarbeit.


Olga trat etwas näher an Aleksandra, streichelte ihr sanft über das Haar und reichte ihr ein Glas Sekt, „Du hast wieder aufs Falsche getippt: Ian Fleming ist Brite. Und auch wenn manches in seinem Roman ein bisschen antisowjetisch klingt, so sollten wir doch nicht vergessen, dass er im Großen Vaterländischen Krieg gut mit uns zusammengearbeitet hat, um die Deutschen zu besiegen.“ 


Aleksandra hob zaghaft das Glas, mit dem Olga sofort stürmisch anstieß, einen Schluck trank, und ohne Pause weiterredete: „Außerdem trinkt dieser gutaussehende Agent gerne Wodka, was ihn ja schon fast zu einem Russen macht! Und“, setzte sie ermutigend fort, „es gibt in unserem Block hier nur eine Handvoll Personen, die Englisch verstehen!“


Aleksandra setzte sich und begann in dem Buch zu blättern, auch Olga nahm neben ihr Platz. Schließlich begann sie, von der ersten Seite langsam und betont vorzulesen. „The naked man who lay splayed out on his face beside the swimming pool might have been dead.”, las Aleksandra laut vor, “Also wirklich. Das ist wieder typisch westliche Dekadenz: Nackte Männer, Schwimmbecken…“ 


„Ich will dir ja nicht zu viel verraten, aber der extrem muskulöse und kaltblütige Mann ist nicht tot, sondern ein genialer russischer Agent!“, unterbrach Olga Aleksandras Skepsis. 


„Hoffentlich ein sowjetischer Agent!“ Aleksandra musste vorsichtig sein, was sie sagte und wo sie zu dick auftrug. Olga war naiv, aber nicht dumm. Sie genoss das Lebe in vollen Zügen, aber sie war Aleksandra seit den Tagen im Waisenhaus zugetan. Ich will ihr keine Schwierigkeiten bereiten, indem ich ihr zu viel Wissen aufbürde. Aber dieses Buch beginnt schon so unrealistisch, dass es lachhaft ist. Das eine Jahr englische Vokabel und Grammatik wird sicher reichen, um diesen Schund zu verstehen.


Olga blickt gespielt schuldbewusst, dann lachten beide hell auf.


„Deine Geschenke waren schon immer etwas bizarr, aber deshalb freue ich mich auch immer besonders darauf.“ 


Olga legte ihren Arm um Aleksandras Schulter: „Weißt Du noch, als ich Dir damals die Socken geschenkt habe?“ 


Aleksandra nickte: „Zu meinem neunten Geburtstag hast Du mir Socken geschenkt, die ich heute noch tragen könnte!“ 


„Aber sie hatten einen schönen roten Stern eingestrickt! Und besser zu große als zu kleine Socken!“, lachte Olga. 


„Ja, Genossin Krassnakova hatte mit deinen Handwerkskünsten immer zu kämpfen. Aber mich haben diese Socken sehr gefreut. Es war eine harte Zeit damals und ich hätte nicht gedacht, dass wir da noch heil herauskommen.“ 


Olga richtete sich etwas auf und nahm einen weiteren Schluck von dem Sekt. „Dass wir das überlebt haben, ist nur dein Verdienst. Als die Deutschen die Krassnakova erschossen hatten, hast du uns gerettet. Als Neunjährige eine Brücke zu sprengen und so dem Feind genug zu tun zu geben, dass wir zehn Mädchen durch den Wald flüchten konnten, ist eine Heldentat!“ 
Aleksandra stellte ihr Glas auf den Tisch und blickte zum Fenster. „Du weißt, dass ich darüber nicht spreche. In dem Zug, der in den Stausee raste, waren Verwundete. Es war ein Lazarettzug!“ 


Olga schüttelte den Kopf: „Es waren Feinde: Sie hatten Millionen der unseren getötet, nicht zuletzt unsere Lehrerin. Und wenn sie uns gefangen hätten, hätten sie uns vergewaltigt, verschleppt oder gleich dort getötet. Du musst aufhören, dir ständig Vorwürfe zu machen. Dein ganzes Leben wirkt wie eine einzige Entschuldigung für die wohl aufregendste Entscheidung deines Lebens: Das Wissen, das du von deiner Mutter abgeschaut hattest, zur Sprengung der Eisenbahnbrücke von Cacevicy zu nützen, war genial. Und es hätte deiner Mutter sicher viel Stolz bereitet, wenn sie von deinen brillanten Studienergebnissen und deinem Abschluss in Architektur erfahren hätte. Seither baust du eine langweilige Brücke nach der anderen…“ 
Aleksandra entspannte sich wieder ein wenig und lächelte zu Olga: „Brücken sind nicht langweilig, sie verbinden die Menschen miteinander. Außerdem habe ich auch schon an anderen Bauprojekten mitgearbeitet. Ich war sogar schon im Ausland!“ 


Olga winkte ab: „Im Ausland, dass ich nicht lache. Was hast du denn dort schon außer Baustellen gesehen: in Bulgarien und in diesem komischen Land in Afrika, wie hieß das nochmals?“ 


„Guinea. Wir haben dort Anlagen zur Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser und Energie vorgestellt und eine gute Kooperation aufgebaut.“ 


Olga winkte ab: „Das Land ist ja nicht mal selbständig. Gehört es nicht den Franzosen?“ 


„Es ist eine Kolonie der Republik Frankreich, aber irgendwann wird es unabhängig werden. Und dann wird es dort Fortschritt und Wohlstand für alle geben! Aber lass uns nicht über Politik reden.“ 


Olga lächelte, trank noch einen Schluck: „Gib zu, dass du ein bisschen eifersüchtig auf mich bist, weil ich den spannenderen Job bekommen habe. Bei mir laufen alle Informationen der ganzen Welt zusammen.“ 


Nun musste Aleksandra laut auflachen. „Du bist mir ja eine. Wenn ich dich so reden höre, könnte man ja annehmen, dass nicht Genosse Schepilow, sondern du die Außenministerin bist. Eure Abteilung sammelt ja lediglich die Botschaftsberichte.“ 


„Na ja, das heißt doch, dass ich mehr Informationen erhalte als Genosse Schepilow, zu dem nur kommt, was wir für wichtig genug erachten. Aber genug davon. Hat Igor schon angerufen? Und Wladi? Wo steckt der eigentlich gerade wieder einmal?“ 


„Er ist mit einem Auftrag unterwegs. Ich erwarte nicht, dass er mich heute anruft. Vielleicht erhalte ich einen Brief von ihm.“, antwortete Aleksandra mit einem Anflug von Wehmut.


„Es ist schon schwierig, einen Bruder bei der Marine zu haben.“, versuchte Olga zu trösten, doch Aleksandra vertrieb den Ausdruck von Wehmut gleich wieder aus ihrem Gesicht: 
„Sag, wie geht es Ilja?“ 


Olga nickte verständnisvoll: „Du bist so leicht zu durchschauen, Aleksandra. Immer wenn du dich in die Enge getrieben fühlst, fragst du mich über meinen Verlobten. Nun ja, ich will aus Mitleid mitspielen: Ilja geht es sehr gut. Möglicherweise wird er bald einmal befördert und dann könnte es mit der Hochzeit doch heuer noch etwas werden. Du solltest unbedingt einmal wieder mit uns beiden ausgehen. Ich werde ihn bitten, einen seiner Freunde mitzubringen. In der Abteilung für internationale Beziehungen gibt es einige sehr attraktive Männer…ähm…Genossen, denn dir ist ja die politische Ausrichtung sicher wichtiger als ihr Aussehen.“ 


Aleksandra lächelte, als plötzlich das Telephon läutete. Sie runzelte leicht die Stirn und ging zum Schreibtisch. Nachdem sie den Hörer abgenommen hatte, meldete sie sich förmlich: „Genossin Piatnizkaja.“ Die Stimme am anderen Ende war nicht zu hören, aber die gespannte Körperhaltung zeigt Olga, dass es sich nicht um einen Geburtstagsanruf von Aleksandras Bruder handelte. Die abschließenden Worte „Natürlich, Genosse!“ beendeten das kurze Telephonat abrupt. Aleksandra wandte sich zu Olga um und blickte zuerst fragend, dann entschlossen: „Es tut mir leid, ich muss heute Abend leider arbeiten. Soeben hat mich Genosse Illatschin angerufen, der bis morgen früh eine Plankorrektur von mir vorgelegt bekommen möchte. Liebe Olga, ich werde dich am Freitag anrufen. Dann vereinbaren wir einen Termin, um einen Film anzuschauen und dann gehen wir zu Grigori essen. Aber jetzt muss ich dich bitten, mich arbeiten zu lassen.“ 


Olga nickte verständnisvoll, nicht ohne zuvor noch den Sekt aus ihrem Glas ausgetrunken zu haben. „Der Rest bleibt dir, vielleicht entwirfst du dann ja einmal einen Vergnügungspark oder eine witzige Skulptur und nicht immer nur Brücken oder Kraftwerke. Und vergiß nicht“, fügte sie hinzu, während sie schon ihren Mantel anzog, „dass auch du irgendwann einmal ein bisschen Zeit für dich selbst brauchst. Ich werde dich am Donnerstag anrufen, dann können wir schon am Freitagabend etwas anstellen! Und viel Spaß mit dem Buch!“ Nach einer Umarmung verließ Olga mit einem verschmitzten Lächeln die Wohnung. 


Aleksandra schloss die Türe ab und ließ die Jalousien der Fenster herunter. War zuvor aufgrund des Regens schon wenig Licht in den Raum gekommen, so war es jetzt noch düsterer. Aleksandra schaltete die Deckenlampe ein, deren rot gemusterter Lampenschirm ein Schattenspiel an die Decke warf.


Nachdem Aleksandra die beiden Gläser in das Waschbecken gestellt hatte, nicht ohne zuvor den restlichen Sekt in ihrem Glas wegzuschütten, stellte sie die angebrochene Sektflasche in den kleinen Kühlschrank. Sie strich ihren grauen Rock glatt, ging in das Schlafzimmer und betätigte einen Lichtschalter neben dem Schrank. Doch statt des Leuchtens der schmalen Lampe über dem Bett hörte man ein leichtes Knarren, das anscheinend aus dem Schrank drang. Im nächsten Augenblick traten zwei Männer in einfachen Anzügen aus dem Schrank und verneigten sich leicht vor Aleksandra. Diese erwiderte mit einem leichten Kopfnicken und fragte dann freundlich aber bestimmt: „Was hat dieser unangekündigte Besuch hier zu bedeuten?“ 


Während der erste Mann sich anschickte, zu antworten, drehte der zweite das auf dem Schreibtisch stehende Radio auf. Zuletzt verließ er das Zimmer durch die Eingangstür. 


„Genossin Generalmajor, ein Auftrag von besonderer Wichtigkeit führt uns hierher. Wir sollen die Wohnung für ein Treffen vorbereiten.“ Aleksandra wirkte etwas verwirrt. 
Den Augenblick des verlegenen Schweigens nützte der Mann im Anzug, um seinen Blick über den Schreibtisch schweifen zu lassen, wo das rot gebundene Büchlein lag. 


„Das“, meinte Aleksandra, nun mit mehr Strenge in der Stimme, als sie eigentlich wollte, „Genosse, dient mir, mich darüber auf dem Laufenden zu halten, was unserer Jugend so beigebracht wird. Doch zu Ihrem Besuch: In dieser Wohnung finden nie Treffen statt.“ 
Als hätte er auf dieses Stichwort gewartet, trat ein älterer Herr in dunklem Anzug aus dem Schrank. Der andere Mann im Anzug trat zurück und verließ auf ein Nicken des neu Hinzugekommenen durch den Schrank den Raum. 


Aleksandra wirkte leicht verunsichert, straffte dann aber ihren Körper und salutierte.
In dieser Haltung verharrt sie, bis der ältere Mann ihr die Hand entgegenstreckte, die sie zögerlich ergriff: „Aleksandra, alles Gute zu deinem Geburtstag!“ Nachdem er ihre Hand losgelassen hatte, setzte sich der ältere Herr und nahm unaufgefordert einen Keks. 


Aleksandra drehte sich zu ihm um und blickte ihn verwirrt an: „Danke, Genosse General. Wie habe ich die hohe Ehre eines Besuches verdient?“ 


Der Mann deutete auf den gegenüberliegenden Sessel, auf dem Aleksandra Platz nahm, sorgfältig darauf achtend, nur an der Kante sitzen zu bleiben und die Falten ihres Rockes über den Knien erneut glatt zu streifen.


„Es ist wohl zu wenig, wenn ich dich zum Geburtstag besuche? Wie geht es dir in der Abteilung für wissenschaftliche Zusammenarbeit?“ fragte er nun, zugleich um sich blickend, „Und hast du etwas zu trinken hier?“ 


Auf dieses Stichwort sprang Aleksandra geradezu auf, holte aus einem Fach des Schreibtischs eine Flasche Wodka, aus einem Schrank der Einbauküche ein Glas und goss großzügig ein. Der ältere Mann nickte freundlich. Aleksandra nahm erneut Platz und begann zu sprechen: „Unter den Genossen herrscht sehr harmonisches Klima, ich kann in der Abteilung meine erlernten Fähigkeiten zum Wohl des Volkes einsetzen. Unser Büro arbeitet zurzeit an einer Verbesserung der Energieinfrastruktur durch höhere Effizienz bei der Energieerzeugung.“


Der alte Mann nickte und trank einen großen Schluck, „Vorzügliche Wahl, meine Liebe. Doch zurück zu deiner Arbeit. Noch mehr Atomkraftwerke, wie ich höre. Naja, damit kenne ich mich nicht so aus. Ich hatte eigentlich das Umfeld gemeint. Fühlst Du Dich dort wohl?“ 


Aleksandra wirkte etwas verlegen: „Ich bin für diese Aufgabe sehr dankbar. Und ich denke, meine Arbeit ist sinnvoll und konstruktiv. Der Umgang mit den Genossen ist professionell.“
Die folgende Stille wurde nur durch das Geräusch des Kauens unterbrochen, das der General mit dem Verzehr des nächsten Kekses erzeugte. Schließlich hob er an, wobei Aleksandra schon vor dem ersten Wort wusste, dass es sich um eine bedeutsame Sache handelte. Denn immer, bevor General Schelepin etwas Bedeutendes sagte, griff er nach seiner Armbanduhr und rückte sie zurecht: „Aleksandra, du bist nicht nur eine unserer besten Mitarbeiterinnen, sondern für den nächsten Auftrag wohl die einzige, auf die ich voll vertrauen kann. Du weißt, dass es im Politbüro und im Zentralsekretariat der Partei über die Zukunft unserer Außenpolitik sehr verschiedene Auffassungen gibt.“ 


Aleksandra runzelte kurz die Stirn und erwiderte dann nüchtern: „Genosse General, ich bin mit den Vorgängen in diesen Gremien nicht vertraut und bitte auch darum, nicht in politische Dinge eingeweiht zu werden. Meine Loyalität gilt dem Sozialismus und als seinem Instrument der Sowjetunion. Ich werde daher jeden Auftrag ausführen, der dem Ziel des Sieges des Sozialismus dient. Ich bin Architektin und darüber hinaus zu jeder Zeit darum bemüht gewesen, bei unseren derzeitigen und zukünftigen Verbündeten das Vertrauen in die schützende Macht der Sowjetunion zu stärken. Aber ich war und bin nicht für politische Intrigen geeignet.“ 


Schelepin zuckte etwas zusammen und Aleksandra bereute die Worte, die sie gerade ausgesprochen hatte: „Nicht, Genosse General, dass ich damit sagen wollte, dass Sie in eine Intrige verwickelt wären.“ 


Der Mann winkte ab: „Aleksandra, du bist herzerfrischend. Vielleicht sollten wir doch eine Frau wie dich ins Politbüro aufnehmen, damit endlich diese langweiligen alten Männer aufgerüttelt würden. Doch zurück zur Sache: Es geht keineswegs um eine politische Intrige. Vielmehr hat unser Genosse Außenminister einen gewagten Vorschlag an mich herangetragen, mit der ausdrücklichen Bitte, nur eine äußerst vertrauenswürdige Person mit der Durchführung zu beauftragen und zugleich darauf zu achten, dass weder sein, noch mein offizieller Apparat etwas davon mitbekommen. Dein Rang, den du dir in den erfolgreichen Aktionen der letzten Jahre redlich erarbeitet hast, und deine persönliche Loyalität zu mir machen dich zur einzigen möglichen Person. Ich weiß, dass ich dir ganz vertrauen kann. Mein Schutz war es, der dich vor der persönlichen Vendetta mancher Genossen gegen deine Familie bewahrte, meine Unterstützung ermöglichte dir Studium und deine Tätigkeit für das 2. Hauptbüro des KGB.“ 


Aleksandra bestätigte die Aufzählung durch ein Nicken und wollte etwas sagen, doch der General sprach unbeirrt weiter: „Du wirst einen Gast willkommen heißen und dich sorgfältig um ihn kümmern. Es wird eine Art Freundschaftsbesuch sein und er soll alle Informationen erhalten, die du für nötig hältst, um sein Vertrauen zu gewinnen. Gleichzeitig wirst du ihn auf seine Zuverlässigkeit überprüfen. Möglicherweise wird er eine wichtige Rolle spielen, möglicherweise ist er ein Spion des Westens oder auch nur eine Lachnummer. Die Begegnung findet deshalb zwischen Dir und dem Gast statt, weil unsere Regierung mit der Organisation, die von ihm vertreten wird, keinen direkten Kontakt aufnehmen kann. Möglicherweise ergibt sich aber eine Konstellation, die dem Sozialismus nicht nur in Europa einen großen Schritt vorwärts bringen könnte.“


„Ich habe schon oft Besucher betreut, die sich hier über Aufbau und Fortschritt informieren wollten. Darunter waren auch immer wieder Kommunisten aus westlichen Ländern. Doch jeder dieser Besuche wurde mir über meinen direkten Vorgesetzten in der Abteilung für wissenschaftliche Zusammenarbeit angekündigt. Ich erhielt nur gegebenenfalls zusätzliche Informationen aus Ihrem Büro. Bei dieser umständlichen Einführung, mit Verlaub“, erwiderte Aleksandra, „handelt es sich doch entweder um einen Faschisten oder um einen Japaner. Und mit keiner dieser beiden Seiten wird man wohl in Verhandlungen eintreten können, ohne mehr Kompromisse einzugehen als guten Gewissens möglich ist, oder?“ 


Schelepin lachte hell auf: „Du bist nahe dran, es handelt sich um einen katholischen Priester. Es gibt Überlegungen, Wien mit einem Breitspurbahnhof in das große europäische Netz aufzunehmen. Zwischen Prag und Budapest.“


Also mitten in der Ostsäule. Das erfordert doch doppelte Grenzkontrollen und stellt ein Sicherheitsrisiko dar.“


Österreich ist kein Risiko. Wir haben der abstrusen Landkarte auf Churchills Vorschlag zugestimmt, obwohl unser Zugriff auf Ungarn ohne die österreichische Zunge bis Czernowitz leichter wäre, aber mit dem Mailänder Schwanz blockiert Österreich auch Frankreichs und Italiens Bewegungsfreiheit nach Norden. Österreich kann eine Drehscheibe werden, nicht nur für Informationen, auch für Güter - und für Transportwege. Wenn der Architrav von Paris über Genf nach Wien gebaut ist, könnten auch wir auf direktem Weg von Moskau bis Paris vorstoßen, ohne Aufenthalt und ohne wetteranfällige Luftschiffe und Flugzeuge. Offiziell müssen wir hintanhalten und Bedenken anmelden, um bei den Hähnen in Paris und den Löwen in London keinen Verdacht zu erregen, aber inoffiziell wollen wir die Lage sondieren und vorbereiten. Und deshalb haben wir den Priester ausgewählt, er wird vom Staat bezahlt, wie diese lächerlichen Traditionalisten das in Österreich eben machen, aber er ist keinen Außenamtsmitarbeiter. Und er hat auch Architektur studiert!“

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