Als Johann abends erschöpft aus der Bibliothek in das Kolleg zurückkehrte, wurde er schon am Eingang von einem Mitstudenten erwartet. Es war Gerhard, der dieses Semester begonnen hatte. Er stammte aus Konradsheim im Mostviertel, nicht allzuweit von Johanns Heimat Bischofstetten entfernt. Doch bevor er darüber noch weiter nachdenken konnte, sprudelte Gerhard los: „Wo warst du denn so lange? Der Rektor erwartet dich unverzüglich in seinen Räumen. Zwei Gäste sind bei ihm, aber die kenne ich nicht. Auf jeden Fall solltest du gleich hinaufgehen.“
Meist war es kein gutes Zeichen, wenn einer der Studenten zum Rektor gerufen wurde. Johann war das bisher noch nie passiert; und mit einem gewissen Stolz hatte er sonst beobachtet, wenn der eine oder andere mit hängendem Kopf nach einer solchen Belehrung aus dem Rektorat zurückkam. Zumeist waren es disziplinäre Verfehlungen, die mit einer solchen Vorladung geahndet wurden.
Da er nicht noch mehr Zeit verlieren wollte, ging Johann ohne Umweg über sein Zimmer, seine schwarze Tasche noch bei sich tragend, zum Rektorat und klopfte. Ein neutrales „Herein“ befahl das Eintreten mehr, als das es zum Öffnen der Tür einlud.
Das Zimmer des Sekretariates war verwaist und dunkel, doch aus dem Büro des Rektors strahlte Licht in das kleine Zimmer. „Wir sind hier! Kommen sie herein!“
Die Konstellation im Raum war für Johann mehr als seltsam. Auf dem Sitz hinter dem Schreibtisch saß nicht der Rektor, sondern ein ihm unbekannter Prälat. In einer der etwas dunkleren Ecken stand jemand in einer österreichischen Armeeuniform. Schließlich stand der Rektor fast wie ein Schuljunge vor dem Schreibtisch.
„Meine Herren“, begann der Rektor, ohne einen Gruß Johanns abzuwarten, „Ich stelle ihnen Doktor Johann Erath vor, Diözese St. Pölten, Student am Päpstlichen Institut für historischen Wissenschaften. Er hat sich in den letzten drei Jahren nichts zuschulden kommen lassen, wird in zwei Wochen seine Schlussprüfung ablegen und dann nach Österreich zurückkehren. Der Bischof von St. Pölten wird ihn in einer Pfarrer in der Nähe der Stadt als Kaplan einteilen und als Kirchengeschichtsassistenten an der Philosophisch Theologischen Hochschule.“
Der etwa 50-jährige Prälat machte eine dankende Kopfverneigung und begann zu sprechen: „Danke, Herr Rektor, wir benötigen Ihre Anwesenheit hier nicht länger. Dem hochwürdigsten Bischof von St. Pölten wird der Heilige Stuhl über den Apostolischen Nuntius von der Planänderung informieren.“
„Ich muss protestieren“, hob dieser an, „wenn es sich um die mir anvertrauten Studenten handelt, habe ich das Recht und die Pflicht, allen Gesprächen beizuwohnen.“
Der Prälat lächelte milde: „Ihr Pflichtbewusstsein ist sehr lobenswert, Hochwürden, aber von Ihrer Aufsichtspflicht entbinde ich Sie gerne im Auftrag des Staatssekretariates. Sie dürfen jetzt gehen.“
Mit einem kaum merklichen Nicken gegenüber dem Prälaten und ohne den Uniformierten im Halbdunkel auch nur eines Blickes zu würdigen, verließ der Rektor schnaubend sein eigenes Büro, das ihm so dreist entzogen wurde und schloss geräuschvoller als nötig zuerst die Türe zum Vorraum und dann merklich hörbar die Türe zum Gang.
Johann stand nun, schweigend das Geschehen beobachtet habend, vor dem Schreibtisch. Er wartete, dass einer der beiden Herren ihn zum Sprechen aufforderte.
Der Prälat blickte ihn musternd an, mit dem Blick eines Schneiders, der Stoff beurteilt, ob aus ihm etwas Passendes zu schneidern wäre. Dann fing er langsam an: „Ihre Zeugnisse sind makellos, ebenso das Urteil Ihrer kirchlichen Vorgesetzten. Sie scheinen nicht nur ein treuer Diener der Kirche zu sein, sondern auch ein sehr aufgeweckter und intelligenter. Sie haben in Österreich ein architektonisches Studium abgeschlossen, sowie ein theologisches, das Sie jetzt in Rom vertieft haben. Und das in so jungen Jahren.“
Johann wusste nicht, was er auf dieses Lob antworten sollte. Die letzten drei Jahre in Rom hatten ihn gelehrt, nie zu schnell auf die Freundlichkeit eines Kurialen zu antworten oder ihm gar offen zu sagen, was man dachte. Zu viele Fallschnüre waren gespannt, eine unbedachte Äußerung konnte unmittelbare und verheerende Folgen haben. Also nickte Johann nur.
„Das hier“, sagte der Prälat mit einer hinweisenden Handbewegung auf den Uniformierten, „ist Oberstleutnant Alexander Bruschek. Ich bin Angelo dell’Acqua, Offizial im Staatssekretariat.“
Johann verneigte sich leicht und erwiderte: „Ich danke für die Ehre, Ihnen vorgestellt worden zu sein.“ Er verbiss sich zugleich die Frage, weshalb er hierher bestellt wurde. Mit dem Staatssekretariat hatte er noch nie zu tun gehabt, noch weniger mit dem Österreichischen Bundesheer. Und was diese beiden Institutionen direkt miteinander zu tun hatten, war ihm auch nicht klar.
Als könnte er seine Gedanken lesen, sprach dell’Acqua weiter: „Oberstleutnant Bruschek ist mit einer wichtigen Mission ausgestattet. Er wird im nächsten Monat als österreichischer Verteidigungsattaché nach Moskau reisen – der erste seiner Art. Er hat einige Informationen für sie.“
Auf das Stichwort des Prälaten trat der Uniformierte etwas ins Licht. Er wirkte förmlich, aber nicht abweisend, doch sein Blick schien Johann zu durchleuchten: „Sie sind 1934 in Niederösterreich geboren worden, haben in Melk maturiert und mit schnell studiert, was durch die Wirren des Krieges zweifellos zugleich erschwert und überhaupt erst ermöglicht wurde. Als ihre Ausbildung in Melk begann, war diese Schule noch eine Napola, als sie maturierten, waren die Benediktiner zurück.“
Johann zuckte kurz zusammen. Beides traf zu, aber im Schuljahr 1944/45 war von der ehemaligen Napola kaum mehr etwas übrig. Manche Professoren waren geflohen, andere bemühten sich, als fromme Widerstandskämpfer eine neue Identität aufzubauen. Und wenngleich die markigen Ansprachen des Direktors jeden Montag und Freitag bis April 1945 vom Endsieg erzählten, so konnte doch Johann auch den Anblick nicht vergessen, als am Tag von Hitlers Selbstmord auch der Direktor diesen Weg wählte und sich während der ersten Stunde am Brunnen im großen Hof erschoss. Das blutrot gefärbte Wasser plätscherte auch dann noch weiter, als unter dem staunenden Entsetzen der Schüler Schulwart und Gärtner die Leiche aus dem Bassin fischten und mit einer Scheibtruhe abtransportierten. Johann erinnerte sich auch, wie im Mai 1945 die als Lager genutzte Stiftskirche wieder geräumt und seit sieben Jahren der erste Gottesdienst dort gefeiert wurde. Könnte seine Schulzeit so hohe Wellen geschlagen haben, dass nun sogar das Staatssekretariat eingeschaltet wurde? Er kannte sich zu wenig in den diplomatischen Gepflogenheiten aus, nein, er kannte sich darin überhaupt nicht aus, um auch nur irgendeine klare Schlussfolgerung zu ziehen. Sein Gehirn arbeitete emsig, aber er merkte, wie er leicht zu schwitzen begann.
Unbeirrt redete der Oberstleutnant weiter: „Außerdem ist uns aufgefallen, dass sie regelmäßig Kontakt zu einem russischen Studenten haben.“
Wie aus der Pistole geschossen antwortete Johann nun ungefragt: „Grigori Wassilewitsch Homik ist Ukrainer. Er studiert ebenfalls Kirchengeschichte und lebt im Collegium Russicum. Er ist griechisch-katholisch, also nach keiner Definition, weder kirchlich noch national ein Russe. Außerdem ist er österreichischer Staatsbürger!“
Seine schnelle, vielleicht allzu schnelle Antwort ließ die beiden Herren gegenüber kurz aufschrecken. Hatte er sich durch diese Verteidigung etwa verdächtig gemacht? Hatte der Prälat vorhin darauf hingewiesen, dass der Offizier sich mit Russland auskannte? Warf man ihm hier etwa vor, ein Spion zu sein? So etwas Lächerliches! Trotzdem merkte er, dass sein Stand etwas zittriger wurde. Er schloss seine Hände hinter seinem Rücken und versuchte, nicht nervös zu wirken.
Der Prälat lächelte: „Ich sagte ihnen doch, Herr Oberstleutnant, dass dieser eifrige Student hier wohl kaum geeignet für unseren Plan ist. Er ist dermaßen ehrlich und korrekt, dass er mit einer verdeckten Aktion sicher überfordert ist.“
Der Uniformierte schüttelte lächelnd den Kopf: „Gerade deshalb ist er perfekt: Er ist intelligent und loyal, zugleich aber offen lesbar wie ein Buch. Er hat eine hohe Merkfähigkeit und ist ehrgeizig, gleichzeitig vielseitig interessiert und nicht scheu im Knüpfen von Kontakten. Er ist gut ausgebildet und zugleich in ihrer Hierarchie und in Österreich so unbekannt und unbedeutend, wie jemand für diesen Auftrag sein muss.“
Johann verlor nun vollends den Zusammenhang und der letzte Satz kränkte seinen Stolz: „Unbekannt und unbedeutend“, ja, das stimmte einerseits, andererseits fühlte er sich doch wichtig und dazu berufen, Großes hervorzubringen: Ein Buch, ein Lexikon, die Stelle eines Universitätsassistenten.
Die Worte dell’Acquas holten ihn aus seinem Schmollen zurück: „Mein lieber Bruder, wir werden Sie wie ein Schaf mitten unter die Wölfe schicken müssen. Sie werden Ihre Schlussprüfungen vorverlegen, Ihre Professoren sind bereits informiert und es besteht kein Grund, darüber besorgt zu sein. Alle haben bestätigt, dass Sie jederzeit den Abschluss erlangen könnten. Die Prüfung ist für morgen acht Uhr angesetzt, und zwar hier. Ich werde daran ebenso teilnehmen wie der Herr Oberstleutnant, aber unser Urteil über Sie steht schon fest. Das heutige Gespräch war die Bestätigung unserer Wahl.“
Die Worte des Prälaten zogen wie ein Schnellzug an ihm vorbei und er wusste nicht, ob er widersprechen oder überhaupt etwas sagen sollte. Doch da sprach der Prälat schon weiter: „Die Sowjetunion ist ein wichtiger Faktor in der zukünftigen Entwicklung der Welt, worauf auch Seine Heiligkeit aus eigener Erfahrung öfter schon hingewiesen hat.“
Ja, dachte Johann, Papst Gregor ist ja Armenier und muss damit leben, dass seine Heimat Teil des Sowjetimperiums ist.
„Es gibt natürlich oft dargelegte und nicht zu verleugnende massive Auffassungsunterschiede über Gott und Welt im kommunistischen und im katholischen Weltbild, wenngleich es in den praktischen Folgerungen gewisse“ der Prälat zögerte auf der Suche nach dem richtigen Wort, „Konvergenzen gibt, was natürlich niemals offiziell gesagt werden kann. Der Vatikan kann mit der UdSSR nicht in offiziellen Kontakt treten, Österreich schon. Schließlich hat ihr Land einen Staatsvertrag mit der Sowjetunion und nicht zuletzt durch diesen seine Unabhängigkeit und eine beträchtliche Gebietserweiterung erfahren.“
Der Oberstleutnant räuspert sich und fiel dem Prälaten ins Wort: „Die Aufnahme der neuen Bundesländer in den Bundesstaat Österreich erfolgte aufgrund beiderseitiger, freiwilliger Entscheidung. Ich bitte daher nicht von Gebietserweiterung zu sprechen, was zu sehr nach Eroberung klingt.“
Der Prälat wischte den Einwand mit einer beiläufigen Handbewegung symbolisch vom Tisch und setzte fort: „Sie werden den Herrn Oberstleutnant nach Moskau begleiten. Dort werden Sie eine Kontaktperson aus dem Interministeriellen Komitee für wissenschaftliche Zusammenarbeit kennenlernen. Offiziell sind Sie im Auftrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit einem Forschungsprojekt über historische Bauwerke unterwegs, deren Originalpläne in Archiven in Moskau zu finden sein sollen. Ihre Kontaktperson wird Sie mit architektonischen Informationen ausstatten.“
Mit einer gewissen Begeisterung übernahm nun der Offizier das Wort: „Diese Person arbeitet natürlich für den KGB, den sowjetischen Geheimdienst; unseres Wissens in untergeordneter Position, aber doch im Rang eines Majors.“
Johann surrte der Kopf. Das war doch sicherlich ein Scherz. Weder konnte er morgen zu einer Prüfung antreten noch einfach so nach Moskau fahren. Und dort sollte er mit einem spionierenden Architekten zusammenarbeiten. Wozu?
„Wenn Sie sich fragen, wozu dieser Auftrag dienen soll“, setzte nun wieder der Prälat fort, „dann lassen Sie es mich einfach ausdrücken: Es gibt einige, die behaupten, in der Sowjetunion würden Kräfte an Unterstützung und Einfluss gewinnen, mit denen gewisse Kompromisse geschossen werden könnten. Eine dieser Personen ist der erste Parteisekretär Nikita Chruschtschow, dem manche Analysten noch höhere Ämter für möglich halten. Hätten wir einen verlässlichen Kontakt zu diesen reformorientierten Kreisen, ohne sie zugleich mit uns in Verbindung zu bringen – was ihrem Aufstieg angesichts der Radikalatheisten sicher schaden würde – dann könnte die Kirche einen gewissen Einfluss auf eine zukünftige Religionspolitik der Sowjetunion und ihrer Tochterstaaten bekommen. Immer vorausgesetzt, dass all diese Kontakte informell bleiben und keine namhaften Personen daran beteiligt sind. Österreich hat angeboten, eine gewisse Unterstützung zu bieten, da die Kontakte sowohl nach Moskau als auch zum Vatikan gleichermaßen gut sind. Zugleich ist uns klar, dass dieser Auftrag völlig scheitern kann, ja, dass sie möglicherweise gefangengenommen oder sogar gefoltert und getötet werden können. Deshalb fiel die Wahl auf jemanden, der auch unter Folter keine Geheimnisse ausplaudern kann, wie es etwa ein österreichischer Diplomat tun würde.“
Der vorbeifahrende Schnellzug hatte mit dieser letzten Aussage noch einen Zahn zugelegt. Hatte man da dem biederen Kirchenhistoriker gerade durch die Blume gesagt, dass er möglicherweise schon in einem Monat in einem sowjetischen Folterkeller den Märtyrertod sterben würde? Oder halt, war das dann überhaupt ein Martyrium, wenn es mehr um kirchliche Diplomatie als um direktes Glaubenszeugnis ging? Oder würde man ihn öffentlich sowieso nur als Privatperson darstellen, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort war?
Die eingetretene Stille nutzte der Oberstleutnant: „Österreich bemüht sich, seine zentraleuropäische Stellung zu nutzen, auch angesichts der Übermacht der unserer Nachbarn Frankreich und Sowjetunion. Es gibt ein Projekt, noch sehr im Nebel des Unbekannten, es könnte sich die Möglichkeit ergeben, wenn Paris, London und Moskau zustimmen, dass Wien an das europäische Breitspurnetz angeschlossen wird. Das wäre ein großer Vorteil und würde, wenn erst der Architrav uns über Genf direkt mit Paris verbindet, Wien fast in denselben diplomatischen Rang erheben wie Genf selbst, wo die Vereinten Nationen ihr Hauptquartier haben. Wenn wir geschickt agieren und Ost und West geeignet…“ er zögerte „…motivieren, könnten zusätzliche internationale Organisation nach Österreich kommen. Und Sie verstehen, was das militärisch bedeutet?“
Johann verstand gar nichts mehr. Ging es um Eisenbahnen? Die europäische Breitspurbahn, dieses Meisterstück europäischer Technik, diese Giganten auf Schienen, die nur Hauptstädte miteinander verbanden? Ein Teilstück des Oststranges dieses Netzwerkes führte quer durch österreichisches Territorium vom tschechischen Prag in das ungarische Budapest. Er hatte zwar noch nie am gesicherten Zaun gestanden, um diese Monstrosität zu beobachten, aber seine Schwestern hatten ihm darüber geschrieben. „Ich verstehe es nicht.“ seufzte er.
„Diese Eisenbahn, wenn sie gebaut wird, ist unsere Lebensversicherung. Würde Paris riskieren, seine Investitionen in die Nordalpentrasse der Breitspurbahn zu verlieren? Würde die Sowjetunion riskieren, dass wir ihre Nord-Süd-Verbindung kappen? Würden Frankreich oder die Sowjetunion Österreich angreifen, wenn Organisationen der Vereinten Nationen sich bei uns befänden? Was sagte denn das Osmanische Reich, Japan oder Großbritannien dann darüber? Organisationen sind träge, aber sie sind ein Schutzschild, der unserer kleinen militärischen Macht zu Hilfe kommt. Wir müssen 3477 Kilometer mit 32000 Soldaten verteidigen, wissen Sie, was das bedeutet?“
Johann schüttelte den Kopf, er wusste es nicht - und es hatte ihn auch noch nie interessiert. Er war davon ausgegangen, dass der Staatsvertrag, der vor zwei Jahren unterschrieben worden war, ausreichenden Schutz bot. Warum sollten die Sowjetunion oder Frankreich einen Staat angreifen, mit dem sie einen Vertrag hätten? Weil Frankreich die reiche Lombardei wollte? Weil die Sowjetunion auf Galizien spitzte? Waren denn so schmale territoriale Gewinne einen Krieg wert? Selbst wenn man sich auf den Schutz von Minderheitenrechten oder Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit berief? Österreich wandte so viel Mühe auf Sprachunterricht auf und auf mehrsprachige Ortstafeln, dass diese alles doch von niemandem ernsthaft kritisiert werden konnte, außer ein paar ewiggestrigen Deutschnationalen, die noch im 19. Jahrhundert verweilten.
Der Oberstleutnant deutete Johanns Schweigen falsch: „Grundsätzlich müssen Sie sich keine Sorgen machen. Vielleicht ist es sogar von Vorteil, dass ihre ukrainische Großmutter starb, bevor Sie sie kennenlernen konnten.“
Das wussten sie also auch? Nun ja, Johann kannte nur Photographien seiner Großmutter, er verstand kein Wort Ukrainisch oder Russisch, und von den kyrillischen Zeichen konnte er gerade so viel lesen, als ihm vom griechischen Alphabet her geläufig war. Irgendwie war ihm alles zu schnell gegangen.
„Ich weiß, dass für Sie das alles überraschend kommt, und vieles für Sie noch ungereimt erscheint. Sie werden nach und nach so viel Information erhalten, wie nötig, aber auch nicht mehr. Das dient nicht zuletzt Ihrem eigenen Schutz. Möglicherweise können wir über Sie etwas anbahnen, was den Lauf der Geschichte ändern wird; möglicherweise ist es auch nur eine Sackgasse. Vertrauen Sie auf Gottes Unterstützung und vergessen Sie nicht, dass Sie der Kirche Gehorsam gelobt haben.“
Die Worte des Prälaten holten Johann zurück, er riss sich zusammen und gewann an Festigkeit: „Das habe ich nie vergessen, und das werde ich auch nicht. Ich vermute, dass mein Bischof darüber informiert wird, dass ich abwesend sein werde.“
Dell’Acqa nickte, und Oberstleutnant Bruschek setzte ein: „Weder Ihr Bischof noch Ihre Familie werden davon erfahren, wohin Sie gehen. Sie werden brieflich die Information weitergeben, an einer Expedition zu den Wirkungsstätten des heiligen Augustinus teilnehmen zu dürfen, über die Sie allerdings aufgrund der herrschenden politischen Unruhen im Land erst nachträglich näher berichten werden. Wir fahren morgen mit dem Nachtzug um zwanzig Uhr dreißig nach Wien zurück. Selbstverständlich werden Sie über dieses Gespräch niemanden informieren und sich auch von niemandem verabschieden. Der Rektor wird Ihren Kommilitonen mitteilen, dass Sie aus familiären Gründen dringend nachhause mussten. Ich hoffe, sie sind sich der Ehre bewusst, die Ihnen durch diesen Auftrag zuteilwird; und der Verantwortung.“
Johann nickte schweigend. Er konnte den Prälaten nicht einschätzen, hielt ihn für einen jener zumindest wohlgesonnen Pragmatiker, die für die Organisation von Kirchenleitung wichtig sein konnten, selbst wenn sie keinen persönlich Glauben hätten. Aber der Oberstleutnant, der ihn herumkommandierte wie einen Schuljungen, war ihm unangenehm.
Prälat dell’Acqua stand nun auf und trat zu ihm heran.
Johann war zuerst unsicher, wie er reagieren sollte: „Mein Bruder, als ich damals nach Istanbul geschickt wurde, ging es mir nicht viel anders. Ich sehe Großes in Ihrer und unserer Zukunft. Der Segen Gottes begleite sie!“ Wie ferngesteuert ging Johann in die Knie, um mit Handauflegung und Kreuzzeichen gesegnet zu werden. Aus dem Augenwinkel sah er, dass auch der Uniformierte sich bekreuzigte. Wenigstens, dachte er, ist nicht nur Gott auf meiner, sondern auch mein Begleiter auf Gottes Seite.


