Die Haushälterin schob zuerst die Tür mit der Hüfte auf, dann folgte der Servierwagen, dessen Räder auf dem Steinboden nur leise knirschten. Auf dem Wagen stand ein kleiner Kohlegrill, niedrig und breit, mit einer blanken Haube daneben. Darunter glühte die Kohle dunkelrot. Auf dem Rost lag ein ganzer Oktopus, bereits vorgegart, nun über der Hitze knuspernd und glänzend von Öl, Zitrone und Kräutern. Die Arme hatten sich zusammengezogen, die Saugnäpfe waren leicht gebräunt. Ein Geruch nach Meer, Rauch, Knoblauch und verbrannter Zitrone breitete sich im Raum aus.
Für einen Augenblick schauten alle dorthin.
Das war Biancas Kunst. Sie brachte einen Totenabend dazu, einem Gericht Platz zu machen.
„Der Oktopus“, sagte sie.
Mehr nicht.
Vittorio faltete die Serviette auf seinem Schoß neu, als hätte er dadurch den Übergang vom Brot zum nächsten Gang vollzogen. Mary legte ihr Messer auf den Teller. Fiona setzte sich gerader. Meghan schien noch blasser zu werden, aber sie sah hin. Justin merkte, dass auch Brian den Blick nicht abwenden konnte. Emmett wirkte für einen Moment beinahe gerettet.
„Oh“, sagte er leise. „Das ist sehr dramatisch. Auf diese Weise bekommt die Oktopusleiche einen letzten glanzvollen und duftenden Auftritt.“
Bianca stellte den Wagen neben die Tafel, so dass der Grill für alle sichtbar blieb. Dann nahm sie ein langes Messer und eine Fleischgabel. Ihre Bewegungen waren sauber und ruhig. Sie tranchierte, als habe der Oktopus nur darauf gewartet, für elf Personen aufgeteilt zu werden.
„Mit Olivenöl, Zitrone, Oregano und wenig Olivenholz-Rauch“, erklärte sie, während sie die ersten Stücke löste. „Dazu etwas Meersalz. Nicht mehr.“
„Olivenholz-Rauch?“ fragte Lito.
„Ein kleiner Zweig in der Kohle genügt.“ erklärte die Haushälterin, während sie den Oktopus weiter zerschnitt und auf die wartenden Fischteller aufteilte.
Lito nahm die Antwort mit einem dankbaren Nicken an. Emmett beugte sich vor.
Nachdem sie den Oktopus fertig aufgeteilt hatte, servierte sie geschickt der Reihe nach zuerst das Vorspeisengedeck ab, um dann bei jeder Person, beginnend bei Mary, den Oktopusteller und das Fischbesteck einzudecken, damit niemand sich am zu heißen Meerestier die Lippen verbrennen könnte. Die Portionen waren klein, fast vorsichtig: ein Stück Oktopus, etwas Öl, ein Zitronenviertel, zwei Blättchen Oregano.
Sun bedankte sich leise, denn der Oktopus erinnerte sie an Korea, an frische Meeresfrüchte und an ihren Vater, der ein großes Aquarium in seinem Büro zur Schau gestellt hatte. Bianca stellte den Teller vor sie, ohne länger bei ihr zu verweilen als bei den anderen.
Brian schnitt den Oktopus an. „Das ist der erste Abend meines Lebens, an dem ich mich frage, ob Essen zu gut sein kann für die Umstände.“
„Nein“, sagte Emmett. „Gutes Essen ist nie schuld an schlechten Umständen, wenn es nicht schlechte Menschen gäbe, die selbst gutes Essen verderben.“ Er warf einen kurzen Seitenblick zu Sun, dann schaute er zurück auf den Oktopusteil auf seinem Teller. „Aber solange wir alle beisammen sind, kann niemandem etwas passieren. Dann haben wir sogar zehn und nicht nur acht Arme.“
Justin probierte ein kleines Stück. Die Haut war am Rand knusprig, innen blieb das Fleisch weich. Der Rauch war kaum da, mehr Ahnung als Geschmack. Er dachte unwillkürlich daran, wie der Körper der Frau im Hof ausgesehen hatte, halb verdreht auf dem Stein, und legte die Gabel wieder ab.
Brian bemerkte es. „Elf Arme, oder?“
Auch Brian blickte unwillkürlich zu Sun und es war nicht klar, ob er die Haushälterin oder die Koreanerin meinte.
Brian antwortete nicht, schob aber seinen eigenen Teller ein wenig zur Seite, nachdem er mit drei Bissen den ganzen Oktopus geschluckt hatte, obwohl ihn vor Meeresgetier dieser Art ekelte.
Am anderen Ende der Tafel nahm Mary einen Bissen, langsam genug, dass niemand sagen konnte, sie esse gierig, aber entschlossen genug, um zu zeigen, dass sie sich von einem Todesfall nicht den Appetit verderben ließ.
„Sie sagten“, begann Fiona, „man könne nur mit einem Boot auf die Insel kommen.“
Sie sprach zu Vittorio, aber ihr Blick ging zu Sun, die mit geschlossenen Augen den zitronigen Geschmack des knusprigen Oktopus’ genoss.
„Ja“, sagte Vittorio. „Mit einem Boot oder einem Hubschrauber. Beides würde man schon von Weitem hören, wie wir es bei Ihren Booten und der Barke der Kadetten erlebt haben.“
„Dann muss sie mit einem Boot gekommen sein.“
„Wahrscheinlich.“
„Mit unserem nicht“, sagte Mary.
Meghan schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Mit Justines auch nicht“, sagte Fiona.
Justine legte die Gabel hin. „Sie wäre mir aufgefallen.“
„Vielleicht kam sie doch mit der Barke der Kadetten, hat dann ihr Kostüm gewechselt und ist zur Kapelle geschlichen“, spekulierte Emmett.
„Unwahrscheinlich“, sagte Vittorio. „Die Barke lag vor dem Steg. Und die Kadetten standen die ganze Zeit sichtbar an Bord. Außerdem hätten sie selbst bei ihrer österreichischen Disziplin bemerkt, wenn sich eine Fremde als Kadettin verkleidet hätte, noch dazu jemand, der deutlich über neunzehn Jahre alt war. Sogar eher in deinem Alter, Meghan.“ Meghan schreckte kurz auf. Auch Mary stach ihre Gabel so heftig in das letzte Stück Oktopus auf ihrem Fischteller, das es ein leises Geräusch gab.
Vittorio hob überrascht die Hand, bevor Mary etwas erklären musste. „Wir halten fest: Niemand von uns hat gesehen, wie sie gekommen ist.“
„Und niemand kennt sie“, sagte Fiona.
Der Satz war sehr klar.
Justine sah ihre Großmutter an. „Was wollte dann eine Unbekannte auf Ihrer Insel, Eminenz?“
Fiona nahm ihr Glas, trank aber nicht. „Das wird niemand erfahren können, nun, da die Arme tot ist.“
Mary tupfte sich mit der Serviette die Mundwinkel ab. „Ich sehe keinen Grund, weiter über eine Unbekannte zu reden.“
Lito sah zwischen den Clearyfrauen hin und her. Er aß nicht mehr. Wolfgang hatte seine Gabel ebenfalls abgelegt, nachdem er den Oktopus auf seinem Teller verspeist hatte, ohne es zu merken. Sun trank Wasser, um den herrlichen Geschmack noch einmal aufleben zu lassen, aber sie ließ Mary nicht aus den Augen.
„Ich kannte sie nicht“, sagte Sun ruhig. „Aber sie kannte vielleicht jemanden hier, warum sonst sollte sie sich die Mühe gemacht haben, diese abgelegene Insel zu erreichen? Selbstmord könnte man auch an vielen anderen Orten einfacher begehen.“
Mary wandte den Kopf zu ihr. „Sie haben sie nicht einmal gesehen, bevor sie neben Ihnen lag? Wir wissen nämlich gar nicht, ob es Selbstmord war, es gibt schließlich keinen Abschiedsbrief.“
„Ich habe ihr Gesicht nicht gesehen. Aber sie war nicht zufällig auf dieser Insel. Und vielleicht gibt es einen Brief, den die Polizei finden wird, sobald sie die Leiche durchsucht.“
„Und wer hätte diesen Brief geschrieben, bis die Polizei kommt? Sie?“ Mary hatte sehr geschickt diese uneindeutige Formulierung gewählt, um Sun in Bedrängnis zu bringen. Emmett sprang ihr geistig bei.
„Ein Brief, der erst nach dem Tod verfasst würde? Das wäre eine Verschleierung der wahren Todesursache. Man müsste bei diesem Brief streng prüfen, ob die Tinte noch frisch ist.“
Der kleine Kohlegrill knackte. Bianca nahm den Deckel von der unteren Etage des Servierwagens und verschloss den Grill, bevor sie mit dem Wagen den Raum verließ.
Vittorio sah zu Meghan. „Vielleicht sollten wir nicht weiter raten, bevor die Polizei hier ist.“
„Die Polizei wird auch fragen, wer sie war“, sagte Brian.
Vittorio wandte sich zur Haushälterin, die in den Raum zurückgekommen war. „Bianca?“
„Eminenz, ich muss etwas sagen.“
Alle sahen sie an.
Bianca legte die Hände vor der Schürze zusammen. Ihre Finger waren gerötet von Wärme und Abwaschwasser, aber sie zitterten nicht.
„Als ich die junge Frau im Hof mit dem Leintuch bedeckt habe, lag eine Handtasche nahe bei ihr. Nicht unter dem Körper. Ein Stück entfernt, neben der Mauer.“
Mary wurde vollkommen still.
„Sie haben die Tasche berührt?“ fragte Fiona.
„Ich habe sie aufgehoben, damit der Wind die Papiere nicht verstreuen kann. Und weil die Polizei nach ihrem Namen fragen wird. Ich habe die Küchenhandschuhe getragen, um keine Spuren zu verwischen.“
„Und?“ Vittorios Stimme war ruhig, aber sehr aufmerksam.
„In der Geldbörse war ein Ausweis: Ihr Name war Valeria Sebastienne.“
Der Name fiel nicht laut in den Raum. Er war nicht schwer genug für ein Geräusch. Aber er veränderte die Haltung der vier Cleary-Frauen.
Bei Mary war es fast nichts: ein Blick, der für einen Augenblick nicht auf Bianca, sondern auf den Smaragd am eigenen Hals ging.
Fiona senkte die Augen.
Meghan schloss sie.
Justine wurde sehr still.
Justin und Wolfgang bemerkten diese synchrone Veränderung mit großem Erstaunen. Emmett bemerkte es und vergaß dabei, dass er Sun hatte beobachten wollen.
„Sebastian Valerienne? Die Frau war also ein Mann? In einem Frauenkostüm?“, sagte Brian.
Mary antwortete sofort. „Sie haben nicht zugehört: Valeria Sebastienne. Es ist ein Frauenname einer weiblichen Leiche.“
„Aber er macht doch aus der Leiche eine Frau“, flüsterte Justin betroffen.
Meghan öffnete die Augen. „Bitte.“
Fiona nahm ihre Hand unter dem Tisch. Diesmal ließ Meghan es zu.
Vittorio sah zu Bianca. „Wo ist die Tasche jetzt?“
„In der Bibliothek, Eminenz. Ich habe sie nicht weiter durchsucht. Nur den Ausweis und die Geldbörse, um zu sehen, ob sie reich war. Aber in der Geldbörse gab es nur den Ausweis, kein Geld, gar kein Geld. Wovon hätte sie die Rückfahrt bezahlen wollen?“
Fiona schnitt mit analytischer Kälte in das Gespräch: „Wenn sie diese Insel als Ort ihres Todes ausgewählt hatte, dann wäre Geld für die Rückfahrt eine tragische Sinnlosigkeit gewesen, denn ihre Leiche wird von der Polizei gratis auf das Festland oder nach Hydra transportiert werden. Es gäbe natürlich auch die Möglichkeit, dass die Person, die sie in den Tod gestoßen hat, das Geld genommen hat.“
Mary hob den Kopf. „Eine Mörderin und Diebin?“
Sun sah Mary an. „Meiner Familie gehört die größte Bank Koreas, wenn Sie damit andeuten wollen, ich müsste einer Unbekannten ihr Taschengeld stehlen. Erst voriges Monat habe ich einer Freundin fünfhundert Millionen bei einer Auktion geliehen.“
Mary wandte sich ihr zu. „Vorsicht, Fräulein Bak, beschuldigen Sie mich nicht des Rufmordes!“
Wolfgang lachte auf: „Während Sie, geehrte Frau Carson, Sun gerade des Raubmordes an Valeria Sebastienne beschuldigt haben?“
Wolfgang legte die Hand neben sein Glas, flach auf den Tisch. Nicht drohend. Aber nah genug an Sun, dass klar war, auf welcher Seite er saß.
Justine sah Mary an. „Müssen wirklich wir darüber nachdenken, wer Valeria Sebastienne ist?“
„Bianca, bereiten Sie die Suppe vor!“
„Ja, Eminenz.“
Als die Tür hinter ihr zufiel, blieb der Name auf dem Tisch liegen: Valeria Sebastienne.
Niemand kannte sie; und alle vier Cleary-Frauen hofften, dass das so bleiben würde.


