Valeria Sebastienne.
Der Name lag als stachelig-eingerollter Igel zwischen dem Silberbesteck, den kleinen Suppentellern und den letzten glänzenden Spuren von Olivenöl. Draußen auf der Terrasse standen Justin, Justine und Lito in einem hellen Rechteck aus Mondlicht und Türschein, weil der Kardinal ihnen erlaubt hatte, sich etwas in der frischen Luft zu erfrischen nach der Schärfe des Oktopus und der ebenso würzigen Gurkensuppe. Justin hatte die Arme verschränkt, Justine sprach schnell und leise, Lito hörte ihr zu und blickte immer wieder ins Speisezimmer zurück. Man konnte sie sehen, aber nicht verstehen.
Brian saß weiter unten, mit dem Rücken halb zur Terrasse, so dass er Justin noch aus dem Augenwinkel sehen konnte. Emmett hatte sich zu gerade aufgerichtet, als müsse eine gute Haltung den Mangel an Gewissheit ersetzen.
Fiona faltete die Hände im Schoß. Meghan betrachtete ihren Teller, auf dem die Suppe nur noch eine gurkische Erinnerung war.
„Valeria Sebastienne“, sagte Fiona schließlich. „Ein französischer Name.“
„Oder ein Pseudonym, das französisch klingen soll“, sagte Brian.
Mary sah ihn an. „Sie unterscheiden das? Denken Sie, die Eltern der Toten hatten ein Faible für die Französische Revolution? Oder denken Sie, Valeria hätte sich diesen Namen selbst ausgedacht?“
„Ich unterscheide meist, ob etwas echt ist oder nur echt klingt. In der Werbebranche muss ich auch Schund verkaufen können, aber das geht seriöserweise nur, wenn ich selbst vorher weiß, dass es eine Lüge werden muss.“
Vittorio griff nach seinem Wasserglas. „Wir wissen nur, dass die Frau einen Ausweis bei sich hatte. Namen können richtig sein oder falsch oder aus ideologischen Gründen selbsterfunden. Das wird die Polizei prüfen.“
„Die Polizei“, sagte Mary, „wird auch prüfen, warum Fräulein Bak neben dieser Frau kniete.“
Wolfgang stellte sein Glas ab, nachdem er es ausgetrunken hatte. Dankbar nickte er dem Kardinal zu, der ihm Wein nachschenkte. Der Klang war nicht laut, aber deutlich.
„Sie kniete neben ihr, weil sie ihr in den Schoß gesprungen ist. Wir wissen, dass das Tor zum Kapellenweg versperrt war; und wir wissen, dass Sun nicht mit einem Fallschirm von der Klippe gesprungen ist.“
„Das ist Ihre polnische Auslegung.“
„Ich bin Russe.“
„Sie leben in Berlin, also sind Sie Pole, unabhängig von Ihrer Muttersprache. Auch die Frau, die sich Valeria genannt hat, könnte eine polnische Agentin gewesen sein, die erkundet hat, ob man diese private Insel kollektivieren kann“, sagte Mary, „Es ist nur eine Frage der Phantasie.“
Sun hob den Blick. „Ich brauche keine Phantasie, damit die Wahrheit wahr bleibt.“
Emmett sah zu ihr. Er hatte den Löffel wie eine Waffe in der Hand, obwohl die Suppe schon lange ausgelöffelt war. „Wer gegen Phantasie ist, muss aus einer grauen Diktatur kommen. Ohne Phantasie, was sollten Schaufensterdekorateure machen, Rechentabellen auffüllen?“
Wolfgang wandte sich ihm zu. „Wie sieht es denn aus?“
„Eine Frau fällt. Eine andere ist allein im Hof. Niemand sonst hat sie gesehen. Niemand weiß, woher die Tote kam. Das ist nicht nichts.“
„Und daraus machen Sie Mord?“
„Ich mache daraus Verdacht“, sagte Emmett. „Das ist die einzige logische Konsequenz, denn wir anderen waren alle zusammen. Niemand von uns war für den Zeitpunkt des Sprungs oder Stoßes nicht bei der Gruppe, außer Fräulein Bak.“
Brian lehnte sich zurück. „Er hat recht. Es sieht schlecht aus.“
Wolfgangs Blick schnellte zu ihm.
„Danke, Brian“, sagte Emmett, sichtbar erleichtert.
„Ich sagte, es sieht schlecht aus. Nicht, dass es wahr ist. Es könnte auch ein Fall gewesen sein, kein Stoß und kein Sprung.“
Mary nahm das auf. „Und was wäre nach Ihrer Einschätzung wahr, Herr Kinney?“
Brian sah zu Sun. „Dass sie entweder sehr viel Pech hatte oder jemand wollte, dass sie sehr viel Pech hat.“
Sun erwiderte seinen Blick. Sie nickte kaum merklich. Es war kein Dank, eher Anerkennung für eine brauchbare Formulierung.
„Das Tor zur Kapelle war verschlossen“, sagte Fiona. „Vittorio hat es geprüft.“
„Von unten“, sagte Mary.
„Ja.“
„Wer einen Schlüssel hat, kann ein Tor schließen.“
Mary sah zu Sun. „Und Verdacht gehört in einem Haus mit einer Toten zum guten Ton. Haben Sie einen Schlüssel zum Tor, Fräulein Sun?“
Meghan atmete schwer ein. „Bitte, Tante Mary, du bist nicht die Polizei.“
Mary wandte sich nicht um. „Doch, Meggie. Wenn wir alle hier bleiben müssen, bis die Polizei kommt, dann möchte ich wissen, mit wem ich am Tisch sitze. Würdest Du nicht auch wissen wollen, wenn Danes Tod kein Unfall war, sondern ein Mord?“
„Mary, das ist unangemessen“, tadelte Vittorio scharf. „Danes Tod war ein tragischer Unfall. Wir gedenken seiner mit diesem Mahl. Nichts von seinem Tod ist vergleichbar mit der Leiche von Valeria Sebastienne.“
„Ich habe keinen Schlüssel und ich wüsste auch nicht, von wem außer dem Herrn Kardinal ich einen hätte bekommen können? Und warum hätte ich ihn fragen oder er mir einen geben sollen, wenn ich doch im Hof genug Platz hatte, um die Trauermeditation für Ihren Großneffen zu halten, obwohl ich ihn nur einmal in Rom im Theater kennengelernt habe. Aber als Buddhistin wollte ich ihm trotzdem die Ehre erweisen und seine nächste Verkörperung unterstützen.“
Emmett senkte kurz den Blick. Der Satz traf ihn, obwohl er ihn nicht wollte.
Mary ließ nicht nach. „Seine Auferstehung, meinen Sie?“
Sun knurrte verärgert: „Ich weiß, dass ich sie nicht gestoßen habe.“
Wolfgang nickte. „Ich bestätige das. Für mich reicht dieses Thema jetzt.“
„Für Sie vielleicht“, sagte Mary. „Aber Ihre Maßstäbe interessieren mich nur begrenzt.“
Emmett sah zu Wolfgang. „Das meine ich nicht böse, aber woher wissen wir eigentlich, was Ihre Maßstäbe sind?“
Wolfgang drehte langsam den Kopf zu ihm.
Emmett fuhr fort, zu schnell nun, als müsse er den Satz über die Schwelle bringen, bevor er sich feiger anfühlte. „Sie haben vorhin selbst gesagt, Sie seien Kleinkrimineller in Berlin. Oder etwas in der Art. Ich habe es gehört. Andere sicher auch. Und jetzt sitzen Sie hier und sagen uns, was vernünftig ist, weil Sie Ihrer Freundin glauben, die neben der Leiche gefunden wurde.“
„Sun ist nicht meine Freundin.“
Emmett hatte jetzt Lunte gerochen: „Warum sind Sie dann mit ihr im Boot gekommen, wenn es nicht Ihre Freundin ist. Berlin und Seoul sind nicht so nahe beieinander, weder geographisch noch politisch.?“
Wolfgang schwieg einen Moment.
Brian lächelte dünn. „Interessante Frage, Emmett.“
„Ich versuche nur zu verstehen, wem wir hier vertrauen sollen.“
Wolfgang holte aus: „Schlafen Sie Schaufenstertunte mit allen Leuten, die mit Ihnen auf dem Boot hierhergekommen sind.“
Emmett sah verletzt aus, aber er wich nicht zurück. Mary kam ihm sofort zu Hilfe: Solche Worte dulde ich am Tisch nicht. Entschuldigen Sie sich sofort bei Herrn Honeycutt!“
Emmett lächelte dankbar, winkte aber ab „Danke, Frau Carson, aber man hat mir schon schlimmere Spottnamen gegeben. Und nur für das Protokoll: Ich finde Justin zu jung, aber mit Brian würde ich schon schlafen. Aber ich würde ihn nicht decken, wenn ich wüsste, dass er einen Mord begangen hat.“
Wolfgangs Stimme wurde leiser. „Ich habe Dinge getan, die strafbar waren. Das heißt nicht, dass ich nicht erkenne, wenn jemand lügt.“
„Oder ob jemand nicht lügt“, sagte Sun.
„Hören Sie auf“, sagte Meghan plötzlich.
Alle sahen zu ihr.
Meghan hielt den Blick noch immer auf ihren Teller gerichtet. „Dieses ganze Ausreden, als wären wir schon im Gerichtssaal. Wir wissen nicht, wer die Frau war. Und wir wissen nicht, wer Fräulein Bak ist, außer dass Sie in Herrn Bogdanow einen Seelenverwandten gefunden zu haben scheint.“
„Wir wissen ihren Namen“, sagte Fiona.
Mary stellte ihr Glas ab. „Manchmal reicht ein Name, um zu wissen, dass Ärger eingetreten ist.“
Die Worte waren zu präzise.
Fiona hob den Blick. „Mary.“
„Was?“
„Kennst du diesen Namen?“
Marys Mund blieb einen Moment geschlossen. Sie nahm sich Zeit, die Antwort zu wählen. Zu viel Zeit.
„Ich habe ihn vielleicht gehört.“
Meghan schloss die Augen.
Brian merkte es sofort. „Vielleicht.“
„Ein Haushalt wie Drogheda“, sagte Mary, „zieht über die Jahre viele Namen an. Pächter, Lieferanten, Verwandte von Verwandten, Bittsteller, Erbschaftsjäger. Man merkt sich nicht jeden.“
„Aber diesen schon? Valeria Sebastienne und Sun Bak?“, sagte Sun.
Marys Blick wurde kalt. „Fräulein Bak, ich habe Ihnen gerade eben geraten, vorsichtig zu sein. Ihren Namen werde ich mir merken, die Begegnung gehört zu den seltsamsten meines Lebens.“
„Nein“, sagte Sun. „Sie haben mich bedroht.“
Wolfgang lächelte fast.
Emmett sah zwischen ihnen hin und her. „Das hilft nicht.“
„Es hilft mir“, sagte Sun. „Ich verstehe Drohungen besser, wenn sie nicht als Höflichkeit verkleidet sind.“
Vittorio legte die Hand auf den Tisch. „Genug.“
Er sagte es nicht laut, aber diesmal hatte der Raum keine andere Wahl, als ihm zu folgen. Durch die offenen Türen hörte man draußen Justines Stimme, ein Stück Litos Antwort, dann das leise Kratzen von Justins Schuh auf Stein. Das Licht auf der Terrasse machte die drei Abwesenden sichtbar wie Figuren in einem anderen Universum.
„Wir sind nicht die Polizei“, sagte Vittorio. „Und wir sind auch nicht das Gericht.“
„Das müssen wir gar nicht sein nach diesem Geständnis“, sagte Mary.
Fiona sah wieder zu Sun. „Fixieren wir das Geständnis: Als die Frau fiel: Waren Sie auf der Bank oder standen Sie?“
„Ich stand. Ich hatte eine Bewegung beendet. Und ich will für das Protokoll festhalten: Das ist kein Geständnis.“
„Welche Bewegung hatten Sie beendet?“ Fiona ließ nicht locker.
Sun stellte ihr Glas ab. Dann erhob sie sich langsam.
Wolfgang spannte sich an, aber sie sah ihn nicht an. Sie trat einen Schritt vom Tisch zurück, dorthin, wo zwischen zwei Stühlen etwas Platz war. Ihre Hände hingen locker an den Seiten. Dann hob sie die Arme, nicht hoch, sondern fließend, als würde sie einen Kreis öffnen. Ein Fuß setzte zurück, der Oberkörper drehte sich, der Atem führte die Bewegung mehr als die Muskeln.
Alle sahen ihr zu.
„So“, sagte Sun. „Langsam und ohne Kraft habe ich mich bewegt.“
„Das scheint mir eine Kampfkunst zu sein“, sagte Mary. „Haben Sie so Valeria von der Klippe gestoßen: Sanft und selbstbeherrscht?“
„Das ist eine Übung des Körpers, nicht des Kampfes, auch wenn ungeschulte Augen das so sehen.“
„Kampfkunst“, wiederholte Mary. „Denn Schule oder nicht, meine Augen sehen, dass Sie es können, Fräulein Bak. Was Sie können, warum sollten Sie es nicht tun?“
Sun ließ die Arme sinken. „Jeder in diesem Raum kann jemanden stoßen, warum sollte es nicht jemand anderer tun, nur weil sie oder er es könnte?“
Fiona tupfte den Mund mit einer Serviette ab. „Nicht jeder so wirksam. So selten ich meiner Schwägerin zustimme, in diesem Punkt hat sie recht.“ Mary blickte erstaunt zu Fiona.
Meghan stimmte entrückt zu „Und nicht jeder hätte es nötig.“
Brian stieß ein kurzes Lachen aus, ehe er es verhindern konnte. „Punkt für Familie Cleary.“
Mary sah ihn an. „Ihre Loyalität wandert schnell.“
Emmett schüttelte den Kopf. „Aber Mary hat nicht völlig unrecht. Jemand, der trainiert ist, kann Dinge tun, die andere nicht können.“
Wolfgangs Stimme wurde hart. „Und jemand, der reich ist, kann Dinge tun, die andere nicht können, weil er sich nachher einen Anwalt oder Tatortbereiniger leistet. Ich kenne solche Familien.“
Vittorio sagte: „Genau deshalb spielen wir es nicht.“
Fiona sah ihn an. „Aber die Polizei wird es tun.“
„Ja. Mit griechischer Autorität. Später, nachdem sie angekommen sein wird.“
„Vielleicht zu spät.“ Der Satz kam von Meghan. Leise, fast gegen ihren Willen.
Mary drehte sich zu ihr. „Was meinst du?“
Meghan schüttelte den Kopf. „Nichts, aber wenn jemand einen Menschen getötet hat, kann sie oder er das auch mit anderen tun.“
„Meggie.“
„Ich meine nur, wenn jemand diese Frau auf die Insel gebracht hat, dann ist diese Person vielleicht noch hier und tötet uns alle wie eine Hydra.“
Es wurde wieder still. Niemand hatte den Namen der Insel bisher mit der griechischen Dämonin in Verbindung gebracht, doch nun erstarrten alle am Tisch, die Gesichter wurden steinern.
Draußen lachte Lito kurz auf, viel zu hell für den Satz. Dann verstummte er, als hätte er selbst gespürt, dass es nicht in den Raum passte.
Brian sah zur Terrasse. „Justin sollte wieder reinkommen.“
„Warum?“, fragte Emmett.
„Weil er besser beobachtet als wir alle zusammen, Männer und Frauen.“
Sun setzte sich wieder.
„Fräulein Bak“, sagte Vittorio, „ich werde der Polizei sagen, was ich gesehen habe: dass Sie neben der Frau waren, ja, aber auch, dass das Tor zum Kapellenweg verschlossen war und dass niemand in dieser Runde erklären kann, wie Sie von oben hätten zurückkommen sollen, wenn Sie überhaupt in der kurzen Zeit unseres Gebetes bis zur Kapelle hinauf gelaufen wären.“
Mary öffnete den Mund, aber er hob die Hand.
„Und ich werde ebenfalls sagen, dass Verdacht kein Beweis ist und dass Sie kein Geständnis ablegen wollten.“
„Hat sie ihr Geständnis von vorhin widerrufen?“, fragte Mary bestürzt.
Emmett sah auf seine Hände. „Niemand hat ein Protokoll geschrieben.“
Wolfgang antwortete sofort. „Wir sind bei einem Abendessen, nicht bei einem Verhör.“
Emmett schluckte.
Sun sah ihn an. „Wie sehr wünsche ich, dass die Polizei schon hier wäre!“


