Aus Ferrons Arbeitszimmer erklangen Stimmen. Die Zeiger der Wanduhr standen auf Viertel nach drei. Glandera streckte sich. Den ganzen Tag hatte sie allein in ihrem Zimmer verbracht und versucht, in den Bergkristall einzutauchen. Das Kollegium Arkanum war vorbei und wie letzte Woche hatte man die Magier niederen Ranges diesmal erneut aus der Besprechung hinausgebeten. Sie brannte darauf mehr über die Gründe zu erfahren. Mit einem dumpfen Geräusch landete Terrasias Kristall auf dem Federbett und sie gähnte ausgiebig. Mit ihrer Arbeit kam sie kaum voran. Soviel war sicher: Die Fahnen, die sonst nur Wachstumseinschlüsse in Quarzen waren, erschienen ihr in diesem Exemplar unnatürlich. Doch mehr als ein paar Bilder, die für Sekunden in ihren Kopf aufblitzten, hatte sie in dem Kristall, in dem Terrasia angeblich etwas verewigt hatte, nicht entschlüsseln können.
Glandera streckte die Beine und rutschte vom Bett, um über die Vibrationen herauszufinden, wer mit ihrem Meister im Zimmer war. Den Hünen Sverker erkannte sie durch sein Gewicht sofort. Die Stimmen wurden lauter und sie identifizierte Concetto, bevor er sich bewegte. Was ist los? Glandera hielt ihre Neugierde kaum noch aus, doch die Wirkung der Bergkristallstufen rund um ihr Bett schenkten ihr Klarheit: Sie wusste, dass sie die Erzmagier nicht stören durfte. Warum ist Ferron so aufgebracht?, frage sie sich und kaute am Fingernagel. „Ob das etwas mit dem Kollegium Arkanum zu tun hat?“
„Glandera, würdest du bitte in mein Arbeitszimmer kommen?“
Noch immer war sie es nicht gewohnt, plötzlich seine Stimme in ihrem Kopf zu hören. Stocksteif stand sie da. Ihr Herz raste. Einen Wimpernschlag später hatte sie sich gefangen und eilte hinüber.
Ferrons Wangen waren gerötet, doch als sie nähertrat, sanken seine Schultern hinab und er lächelte leicht. Demütig neigte sie den Kopf, um die Feuermagier zu begrüßen. Concetto hatte die Arme vor der Brust verschränkt und nickte ihr zu. Er strahlte eine Entschlossenheit aus, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, und ihr wurde flau im Magen. Nur Sverker war freundlich wie immer, wenn sie sich trafen.
Intuitiv entschied sie sich für die förmliche Anrede. „Meister, Ihr wolltet mich sprechen?“ Magisch bemerkte sie, wie sich Ferrons Herzschlag beschleunigte.
„Ja. Mir ist morgen Vormittag ein wichtiger Termin dazwischengekommen. Ich bin untröstlich, doch ich werde bei deinem ersten Arenakampf nicht dabei sein können.“
„Aber …“ Glandera stockte und hielt sich die Hand vor den Mund. Ich muss mich vor den anderen Magistern gewählter ausdrücken. „Es war Euch doch so wichtig.“
„Das ist korrekt“, bestätigte Ferron. Seine Kiefermuskeln spannten sich an.
Glandera verkniff sich die Tränen. „Dann werde ich eine Woche später kämpfen?“
„Nein. Sverker hat sich bereit erklärt, meinen Platz einzunehmen.“
Der Hüne trat einen Schritt vor. „Ich werde auf dich aufpassen, als wärst du meine eigene Tochter, und Ferron hinterher berichten.“
Der Erdmagier lächelte gequält. „Nur wenn ich es nicht schaffe, zeitig nachzukommen.“
„Verstehe.“ Sie ließ den Kopf hängen.
„Dann erwarte ich dich zur achten Stunde im Atelier“, schloss Sverker die Unterhaltung ab.
Glandera starrte auf die Fliesen, die im Laufe der Jahrhunderte von den Schritten des Erzmagiers blank poliert worden waren. „Meister? Eine Frage hätte ich noch.“
„Selbstverständlich“, hörte sie Ferron sanft antworten.
„Du sagtest, du freust dich dein Leben lang auf diesen Augenblick.“ Ihre Finger krallten sich im Kleid fest und sie hob den Kopf. „Was ist so wichtig, dass du diesen Termin verschiebst?“
Ferrons Gesicht wurde blass. Er atmete tief ein und wollte sprechen – doch Concetto gebot ihm mit erhobenem Zeigefinger Einhalt. „Wir planen den nächsten Einsatz und er erfordert etwas mehr Koordination als üblich. Da Ferrons Berechnungen ein weites Gebiet umfassen, wurden ihm Unterstützung angeboten. Es war meine Idee, denn leite ihn.“
„Ihr meint den in Peru?“, hakte Glandera nach. „Werde ich deshalb vom Kollegium Arkanum ausgeschlossen?“
Concetto lächelte. „Dem ist so. Viele Magi sind involviert, weshalb beschlossen wurde, dem eine höhere Priorität als dem Training zu geben.“ Der Feuermagier drehte die Handflächen nach oben. „Es tut Ferron sehr leid. Sobald wir die Zahlen erhalten haben, wird er nachkommen.“
Die Akolythin starrte erneut auf den Boden. Ferron war schon immer pflichtbewusst. Wenn die Magierakademie einen Beschluss fasste, hat er keine andere Wahl, als sich zu fügen. Ihre Hände entspannten sich und sie strich ihr Kleid glatt. „Das verstehe ich, Magister Extraordinarius. Danke für die Erklärung.“
„Ich gebe dir den restlichen Nachmittag Zeit, damit du dich für heute Abend vorbereiten kannst“, erklärte Ferron Glandera und wandte sich an die Feuermagier. „Gemeinsam mit Dorianna möchte sie ihrer Familie offenbaren, dass sie eine Maga ist. Ich wünsche dir gutes Gelingen. Bis morgen, Glandera.“
„Danke, Meister Ferron.“ Mit einem demütigen Kopfneigen verabschiedete sie sich von den Erzmagiern, die ihr Erfolg wünschten, bevor sie den Raum verließ.
„Jesus und Maria!“ Glandera riss die Augen auf, als sie sich im Spiegel betrachtete. „Bin das wirklich ich?“
„In dem Ornat machst du Eindruck“, bestätigte Melody sie und zupfte an dem Magiergürtel, der die Insignien ihres Ranges, Elements und das Symbol der Magierakademie trug. Der cremefarbene Stoff war ein Leinen-Baumwoll-Gemisch, dass sanft fiel. Glandera hatte ihn selbst ausgesucht. Es war ihr wichtig, dass sie sich darin wohlfühlte. Die Wassermagierin Marilla hatte sie dezent geschminkt, sodass sie erwachsener wirkte.
Die Akolythin schluckte. „Vielen Dank für alles. Ich weiß gar nicht, wie ich das wieder gutmachen kann.“
„Das musst du nicht.“ Melody strich ihr über die Schultern. „Du bist ein Teil dieser Gemeinschaft und wir helfen einander.“
Marilla zupfte noch eine Locke zurecht, ehe sie zurücktrat. „Du zeigst deine wahre Natur, Erdmagierin. Durch die Entdeckung deiner Kraft und dem Studium deines Elements wirst du immer mehr du selbst werden. Es liegt in deiner Ahnenlinie. Auch deine Familie ist ein Teil davon. Denk nachher daran, wenn du nervös wirst.“
„Das bin ich jetzt schon.“
„Soll ich dich beruhigen?“, schlug Melody vor. Die Farbe ihrer Iriden änderte sich und sie reichte ihr die Hände.
„Sehr gern.“ Glandera griff danach. Es war nicht das erste Mal, dass Melody ihr Blut reinigte und ihr damit die Ängste nahm. Erleichtert atmete sie tief durch und ihr Blick glitt zur Uhr. „Danke, Melody. Auch dir, Marilla. Ich sollte nun losgehen. Dorianna erwartet mich am Torbogen.“
„Es wird schon gut gehen“, ermutigte Dorianna sie, kaum dass sie die Webergasse erreichten. „Denk daran. Es wird für mich leichter, sobald ich Gladis berühre.“
Glandera nickte und spähte im Vorbeigehen ins Nachbarhaus. Die Silhouetten der Bewohner verschwanden hinter der Fensterscheibe, doch man hatte sie bereits erkannt. Dass sie Magierin war, konnte sie nicht länger geheimhalten. Als sie an der Haustür ankamen, versuchte sie, so gut es ging ihren hohen Puls zu ignorieren. „Arno läuft gerade die Treppe hoch, um Großmutter zu holen.“
„Dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um einzutreten“, erklärte die Wassermagierin und klopfte an der Tür.
Die Akolythin kniff die Augen zusammen.
„Glandera, bist du das?“, rief ihre Mutter. „Warum kommst du nicht hinein?“
Nun gab es kein Entrinnen mehr. Sie öffnete die Tür. Als sie das Haus betraten, eilte Hilde mit der Teekanne zum Stubentisch. Ihr Blick fiel auf die Magierinnen, verharrte auf den Insignien und ihr Lächeln fror ein. Glandera konnte spüren, wie sich der Herzschlag ihrer Mutter beschleunigte. Sie fing an zu zittern und lockerte die Faust, die den Henkel umschlossen hielt. Instinktiv streckte Glandera die Hand hervor und die Kanne stoppte mitten im Fall. Kontrolliert ließ sie sie auf den Tisch schweben. Das Kinn ihrer Mutter sank weiter hinab und die Schwingungen ihres Pulsschlags nahmen an Geschwindigkeit zu.
„Seid gegrüßt, Frau Berger.“ Magistra Dorianna nickte und drehte die rechte Hand nach oben. Ein blauvioletter Nebel entstieg ihrer Handfläche und wirbelte um ihre Mutter herum. Glandera eilte zu ihr. Sanft, aber bestimmt hielt sie ihren Arm und führte sie an ihren Platz.
Ihre Mutter musterte sie genau. „D… deine Augenfarbe. Wieso sind sie golden?“
Glandera blinzelte. „Das werde ich dir später erklären. Setz dich erst mal und beruhige dich. Arno wird mit Großmutter gleich hier sein.“
„Woher weißt du, dass dein Bruder oben ist?“
„Ich spüre seine Schritte.“ Glandera neben setzte sich daneben und streichelte Hildes kalte Finger. Mit zusammengezogenen Augenbrauen drehte sie sich zu Dorianna um und öffnete ihre Gedanken. „Es darf Großmutter wirklich nichts passieren.“
Die Magistra lächelte. „Das habe ich dir versprochen.“
Doriannas Handfläche leuchtete blauviolett auf und ein weiterer Nebel wanderte die Treppen hinauf. Daraufhin erschien Gladis an der obersten Stufe. Ihre linke Hand lag auf Arnos Unterarm und mit der Rechten hielt sie sich am Geländer fest, doch ihre Schritte waren sicherer. Glandera biss sich auf die Unterlippe, als Gladis die Wassermagierin bemerkte.
„Liebes, schön dich zu sehen. Und du hast Besuch mitgebracht?“
Doriannas mittlere Stirnfalte wurde tiefer, doch Gladis Puls veränderte sich nicht. An der letzten Treppenstufe nahm Glandera sie mit offenen Armen in Empfang. „Ja, Großmutter. Erinnerst du dich noch an deine Freundin Dorianna?“
Die Magistra trat lächelnd näher. „Gladis, ich freue mich so, dich wiederzusehen. Als Kinder haben immer am Fluss gespielt, kannst du dich besinnen?“ Als sie die Hand ihrer Großmutter zur Begrüßung umschloss, entspannte sich Glandera.
Gladis runzelte erst die Stirn, dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Knauffs Dorianna? Nicht deren Enkelin?“
„Genau die, nur dass ich inzwischen geheiratet habe. Ich habe gelernt, mein Aussehen zu verändern.“ Die Magistra zwinkerte und führte Gladis an den Tisch. Ihre knorrigen Finger ließ sie dabei nicht los.
„Können alle Wassermagier das Blut von Angst reinigen? So wie Melody?“, fragte Glandera die Wassermagierin.
„Ja, doch ich bin nicht darauf spezialisiert und es strengt mich stark an. Gladis und deine Mutter haben viele offene Fragen. Du solltest anfangen, dich zu erklären, damit sie sich beruhigen können.“
Aus den Augenwinkeln betrachtete Hilde argwöhnisch Glanderas Kleidung. Die Akolythin führte Gladis mit Doriannas an den Tisch und ließ sie nebeneinander Platz nehmen. Dabei versuchte sie ein möglichst entspanntes Lächeln aufzusetzen. Routiniert griff sie nach Doriannas Teller und legte ihr ein Stück Zwiebelplatz darauf. „Großmutter, du fragst dich sicher, warum Dorianna damals nicht mehr an den Fluss spielen kam. Ihr Talent für Wassermagie wurde erkannt und sie kam in die Schule.“
Die Magistra nickte. „In ein Alumnat, um genau zu sein. Das ist eine Ganztagsschule. Nur in den Ferien durfte ich nach Hause.“
Die alte Frau tätschelte die Hand ihrer Freundin. „Und ich dachte, du wärst verschwunden, weil die Magier dich entführt hätten.“
Dorianna lächelte. „Das verstehe ich. Meine Eltern waren froh mich dorthin schicken zu können, weil der Unterricht für Mädchen und Jungen mit magischer Begabung kostenlos ist.“
„Für alle, die entdeckt werden“, erklärte Glandera, nachdem sie reihum die Teller belegt hatte, und drehte sich zu Hilde um. „Doch Großmutter hatte mich immer vor den Reitern gewarnt. Darum wurde ich nie geprüft.“
Ihre Mutter presste die Lippen aufeinander.
„Mein Talent für Erdmagie wurde zufällig entdeckt“, ergänzte Glandera. „Das ist der wahre Grund, warum ich eine Anstellung in der Magierakademie erhielt. Ich nahm an, da ich mehr Geld bekam und den Vorarbeiter nicht mehr sehen musste.“
„Mutter, sag doch bitte etwas.“
„Wir sollten mit dem Essen beginnen.“ Hilde starrte auf den Teller. „Der Zwiebelplatz wird kalt.“
Glanderas Stimme zitterte. „Ich weiß. Ihr habt uns immer vor den Reitern gewarnt. Ihr meintet es gut. Mein Versprechen habe ich eingelöst und weiter nachgeforscht: Kein Kind wird für die Zwecke der Magier missbraucht.“
Dorianna nickte. „Das kann ich bestätigen, Hilde, deshalb bin ich heute hier. Als lebender Beweis.“
„Nach der Schule erhält man ein Angebot, sich von der Akademie anstellen zu lassen. Die weniger Begabten arbeiten als Personal.“ Glanderas Mund wurde trocken. „Die mit einer elementaren Spezialisierung, wie Dorianna oder ich, werden entsprechend ihren Fähigkeiten fortgebildet. Meine Ausbildung in Erdmagie wird fünf Jahre dauern.“ Die Akolythin überreichte ihr den Geldbeutel.
Da sich Hilde nicht rührte, griff Arno nach dem Beutel und blickte hinein. Seine Augen weiteten sich. „Fünf Jahre lang erhältst du jede Woche 50 Silbertaler? Kann ich mich auch testen lassen?“
„Das wurdest du bereits.“ Unwillkürlich musste Glandera grinsen, bevor sie sich wieder an ihre Mutter wandte. „Damit sichere ich Arnos Ausbildung. Und du brauchst nicht mehr jeden Heller umzudrehen.“
„Tante Alice kam auch in diese Schule.“ Hildes Blick wechselte zwischen den Magierinnen hin und her. Ihre Stimme wurde fester. „Wisst Ihr, was damals passiert ist?“
Die feinen Vibrationen Gladis Herzschlag erhöhte sich.
Es tut gut, alles aufzuklären, dachte Glandera. „Ich habe mit dem Verantwortlichen gesprochen. Man hatte angenommen, sie hätte magische Fähigkeiten, doch das war nicht der Fall. Daher musste sie das Alumnat verlassen. Deshalb war sie so traurig.“
„Warum haben sie Alice dann überhaupt mitgenommen?“, fragte Hilde mit zornigem Unterton.
„Sie haben uns verwechselt“, erklang eine leise Stimme und alle Blicke schnellten zu Gladis. „Ich habe im Fluss mit Kieseln gespielt und uns lustige Spiele ausgedacht. Dorianna war dabei.“
„Mutter?“ Hildes Mund blieb offen.
„Du hast mit Steinen auf meine Wasserkugeln gezielt.“ Die Wassermagierin lachte. „Weißt du noch, wie oft wir klitschnass nach Hause kamen?“
Glandera hielt sich die Hand vor den Mund. „Du erinnerst dich?“
„Ja, und Mutter schimpfte mich.“ Gladis zog nun ihren Arm zurück, um ihn am Tisch abzulegen. Mit der anderen Hand griff sie nach dem Zwiebelkuchen und biss ab.
„Ich habe psionisch ein wenig nachgeholfen, indem ich gemeinsame Erinnerungen wachrief“, erklang Doriannas Stimme in Glanderas Kopf, bevor sie sich wieder an Gladis wandte. „Doch als Alice von den Reitern abgeholt wurde, hörtest du damit auf.“
„Du bist der Magie fähig?“ Hilde starrte ihre Mutter an. „Warum hast du uns dann all die Jahre vor Magiern gewarnt?“
„Ich wollte nicht, dass euch dasselbe wie meiner Schwester passiert“, erklärte Gladis ruhig. „Ich verdrängte es und wollte damit nichts mehr zu tun haben.“
Mit gerunzelter Stirn starrte Hilde auf ihre Hände. „Glandera. Seit wann weißt du, dass du Erdmagierin bist?“, fragte sie leise.
„Ich fühlte schon immer ein Kribbeln an den Fingerspitzen, wenn ich einzelne Steine berührte, doch ich dachte, das sei normal. In der Mine begegnete ich unfreiwillig dem Erzmagus der Erde. Er erkannte mein Talent und lehrte mich, meinem magischen Gespür zu vertrauen. Und dann kam der Tag, als das heftige Unwetter hereinbrach und er Zulkis verhaften ließ. Anschließend half ich ihm, die Quarzader im Berg zu finden. Im Nachhinein war das der Tag, an dem ich verstand, wer ich bin.“
„Du wusstest auch vor allen anderen, wer an der Haustür klopft“, meinte Hilde nachdenklich. „Warum hast du das so lange verschwiegen?“
Glandera rang um Worte, als Arno sich kopfschüttelnd meldete. „Glandera hat sich wochenlang gefragt, wie sie es euch möglichst schonend beibringen kann.“
„Du wusstest es?“, fragte Hilde überrascht.
„Ja. Ich habe sogar ihren Meister kennengelernt. Ein äußerst anständiger Mensch.“
Langsam ließ Hilde die Schultern sinken und blickte zwischen ihren Kindern hin und her. „Bitte versprecht mir, dass ihr von nun an keine Geheimnisse mehr vor mir habt.“
„Das ist schwierig, Mutter.“ Glandera schluckte und fuhr zögernd fort. „Du weißt ja, dass ich einen Freund namens Ferron habe. Nun, wie soll ich es sagen. Es ist besagter Magister der Erde und er ist 378 Jahre alt.“
Hildes Lider wurden schwer. Ihr Körper sackte zusammen und der Stuhl fiel klappernd um, als sie auf dem Boden landete. Glanderas Holzstuhl polterte, als sie zu ihrer Mutter eilte. Die Akolythin wechselte in die magische Sicht. Gladis griff an ihre Brust und ihre Augen weiteten sich.
Dorianna streckte ihre Hand aus. „Arno. Halte deine Großmutter fest.“ Blaue Wellen der Magie strömten zur alten Frau. Arno rutschte näher an sie heran und legte einen Arm um ihre Schultern, während ihr Kopf seinen Oberkörper sank. „Hättest du mich nicht vorwarnen können?“, zischte Dorianna und hockte sich neben Hilde. Sanft streichelte sie deren Arm. „Bring ihr bitte ein Glas Wasser.“
Die Akolythin zuckte mit den Schultern und lief in die Küche. „Ich ahnte ja nicht, dass sie direkt vom Stuhl fällt.“ Dabei schielte sie zur zu Gladis, die seelenruhig schlief. Glandera kam zurück, kniete sich neben ihre Mutter, die langsam ihre Augen öffnete, und hielt ihr das Glas Wasser an den Mund. „Es … es tut mir leid.“ Nachdem sie einen Schluck getrunken hatte, ließ sich die Akolythin erschöpft neben ihr nieder.
„Meine kleine Glandera. Was mache ich nur mit dir?“
„Ich bin kein Kind mehr“, korrigierte sie ihre Mutter und half ihr, den Oberkörper aufzurichten. „Ich liebe Ferron. Es gibt keinen aufmerksameren oder loyaleren Mann als ihn. Er passt auf mich auf und hilft mir gleichzeitig, in meine Kraft zu kommen. Mit ihm bin ich glücklich. Ich folge meiner Bestimmung.“ Glandera blickte zu Gladis. „Da ihr jetzt wisst, dass ich eine Erdmagierin bin, muss ich mich in Chattenberg nicht länger verstellen.“
„Ich möchte den Mann, der so einen großen Einfluss auf dich hat, möglichst bald kennenlernen.“
Glandera wurde warm in der Brust. „Sehr gern. Er möchte sich auch bei euch vorstellen.“
Hilde starrte in das halb volle Glas. „Gibt es noch mehr, was du mir erzählen möchtest?“
„Ich erlebe so viel, wenn ich mit ihm unterwegs bin, und will dir am Liebsten von allem berichten.“ Glandera bemerkte Doriannas strengen Blick. „Aber das hat Zeit.“
„Die Vorbereitungen sind im vollen Gang“, erklärte Concetto Aset, kaum dass Arminio die Tür ihres Gefängnisses geschlossen hatte. „Glandera hat kraftvolle Quarzstufen ausgewählt, damit Ferron während des Einsatzes konzentriert arbeiten kann. Gleichzeitig schenken sie ihm Energie. Magistra Nereida hat seinen Gesundheitszustand untersucht und ihm Ruhe verordnet. Im Kollegium Arkanum wurde beschlossen, dass er mithilfe der Luftmagier sämtliche Aufzeichnungen der Druckverhältnisse noch einmal durchkalkulieren muss. Es soll der bestmögliche Ort gefunden werden, an der er mit der Plattenverschiebung starten soll. Weiterhin planen wir eine weitläufige Evakuierung der bevölkerungsreichsten Gebiete.“ Concetto raufte sich die Haare. „Es ist so frustrierend, dass ich ihn mit meiner Feuermagie nicht unterstützen kann.“
„Du koordinierst seinen Einsatz. Das ist die größte Ehre, die ihr euch zuteilwerden lassen könnt. Er legt sein Leben in deine Hände, weil er dir vertraut.“ Aset berührte ihn an der Schulter. „Doch das reicht weiterhin nicht.“
„Ich bin noch nicht fertig. Sverker hat ihm angeboten, ihn mit Runenmagie zu unterstützen. Aber er ist kein Erdmagierschamane, der sich gezielt dieser Kräfte bedienen kann. Und Glandera ist dessen nicht fähig. Das hat Sverker überprüft. Deshalb habe ich den Heilern heimlich den Auftrag gegeben, Ferron zur Not auch gegen seinen Willen vom Einsatzort zu entfernen.“ Unruhig lief er im Raum hin und her.
„Ferron ist ein mächtiger Magier. Wenn du ihn übernimmst, fliegt deine psionische Kraft auf.“ Aset schüttelte den Kopf. „Kein Magier würde dir noch vertrauen und du fliegst aus dem Rat der Elemente. Doch das würde keinen Unterschied machen. Er wird trotzdem sterben.“
„Merda!“ Concettos Faust landete auf dem Tisch. „Es muss doch eine Möglichkeit geben, ihn zu retten.“
„Die gibt es, du hast sie nur noch nicht gefunden.“
„Warum ausgerechnet ich?“
„Du weißt, wie man eine Bürde trägt. Deshalb hast du dir diese Verantwortung gewählt.“
Ihre Blicke trafen sich. 380 Jahre. So lange saß seine Mutter bereits in diesem Gefängnis. So lange war Concetto felsenfest davon überzeugt gewesen, dass sie schuldig war, bis er an seinem Geburtstag von der Existenz der Steintafeln erfuhr. Diese bestätigten die Geschichte, die ihm seine Mutter stets erzählt hatte. Schuldbewusst senkte er sein Haupt. „Kannst du mir einen Hinweis geben?“
„Die Lösung liegt näher, als du vermutest.“
„Diese Weissagung hätte von Hora stammen können“, scherzte Concetto.
Aset lächelte nicht.
„Tut mir leid. Ich zermartere mir seit Tagen den Kopf.“ Concetto kratzte sich im Nacken. „Ich werde dir jetzt Arminio reinschicken. Eine Bitte hätte ich an dich: Würdest du ihm erzählen, was damals wirklich passierte?“
Seine Mutter hob die Augenbrauen. „Die nette oder die ungeschönte Version?“
„Er ist Ermittler. Er würde es bemerken, wenn du ihm nicht die Fakten nennst.“
„So sei es.“ Aset stand auf und kam zu ihm. Sanft berührte sie seine Oberarme. „Ich bin stolz auf dich.“
Der Adamsapfel von Concetto bewegte sich, als er schluckte. Er konnte sich nicht bewusst daran erinnern, wann sie dies zum letzten Mal zu ihm gesagt hatte. Trotz allem, was vorgefallen war, liebte sie ihn. Er zog sie vorsichtig an seine Brust und umarmte sie.
Arminio nahm an der Tür den Temperaturanstieg wahr, bevor sie sich öffnete. Er trat in das Gefängnis seiner Großmutter ein. „Nonna, ich grüße dich.“
„Arminio, setz dich. Die Zeit ist knapp, um dir all das zu erzählen, um das mich dein Vater gebeten hat.“
Concetto nickte. Arminios Augenbrauen schnellten nach oben, als sein Vater die Tür schloss und sich in Asets Lesesessel setzte. Wir bleiben gemeinsam im Raum? „Der Geschichtsunterricht scheint dir wirklich wichtig zu sein.“
Der Blick, den sein Vater ihm zuwarf, war vernichtend. Halbherzig griff er nach dem Buch, das auf dem nächstgelegenen Tisch lag.
„Ich gebiete mehr Respekt!“, zischte Aset und der Mundwinkel seines Vaters zuckte nach oben. „Eine Verschwörung ungeahnten Ausmaßes war notwendig, um mich mundtot zu machen und aus den Geschichtsbüchern zu tilgen. Damit du mich besuchen durftest, musste ich deinem Vater einen Eid schwören, dir nichts zu verraten. Doch die Zeiten sind jetzt vorbei.“
Arminio kam zu ihr, schnappte sich einen Stuhl und setzte sich rücklings darauf. Die Arme stützte er auf der Lehne ab. „Du machst mich neugierig. Bitte berichte.“
„Setz dich erst einmal ordentlich hin.“
Ohne Widerrede stand Arminio auf und drehte den Stuhl, bevor er sich erneut setzte.
„Für wie alt schätzt du Hora?“
„Uff, du stellst Fragen. Sehr betagt. Sie hat die Papyri gerettet, als die Bibliothek von Alexandria brannte, und anschließend die Magierakademie errichtet. Demnach muss sie mindestens 1800 Jahre alt sein.“ Arminios Augen weiteten sich. „Das macht sie zur ältesten lebenden Maga.“
„Wir waren vorher schon ein paar Jahrhunderte befreundet.“
Arminio starrte sie an. „Das würde bedeuten, als Zeitmagierin kann sie ihr Alter manipulieren – sie kennt das Geheimnis der Unsterblichkeit.“
„Weder noch.“
Er stand auf und ging unruhig im Raum umher, während er nachdachte. Sein Vater faltete die Hände zusammen und sah ihn eindringlich an. Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken. Nein, das kann Nonna nicht erst meinen. Ganz langsam schüttelte Arminio den Kopf. „Oder sie ist keine Magierin.“ Er drehte sich leicht um. Seine Großmutter nickte, sodass er mit seinen Schlussfolgerungen fortfuhr. „Sie ist wie du eine Göttin. Die Göttin der Zeit. Merda.“ Asets Iriden waren dunkel wie die Nacht. In seinem Magen rumorte es, als er die Tragweite seiner Worte begriff. „Als Mitglied im Rat der Elemente und als Leiterin der Magierakademie hat sie alle Geschehnisse auf der Welt in ihren Händen.“
„Sie dreht so oft die Zeit zurück, bis ihr der Ausgang der Geschichte gefällt.“ Aset nickte. „Ihr seid nur ihre Marionetten.“